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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

348 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1902, 
Vortheil der Plastik eine bis dahin nicht erreichte Messungsgenauigkeit für die 
Entfernungen innerhalb des stereoskopischen Feldes gestatten. In allerneuester 
Zeit werden von der genannten Firma sogenannte Stereocomparatoren angefer- 
tigt, welche in erster Linie zur stereoskopischen Betrachtung von photo- 
graphischen Himmelsaufnahmen bestimmt sind, aufserdem aber noch zu einer 
ganzen Reihe anderer Aufgaben benutzt werden können. Den Stereocomparator 
und seine hohe Bedeutung insbesondere für die Astronomie weiteren Kreisen 
bekannt zu machen, ist der Zweck dieser Zeilen. 
Da sich alle auf diesem Gebiete erzielten Fortschritte auf dem Princip 
des stereoskopischen Sehens aufbauen, so sei zunächst auf diese menschliche 
Fähigkeit näher eingegangen. KEs ist selbstverständlich, dafs zum stereo- 
skopischen Sehen nur der in vollem Mafse befähigt ist, dessen beide Augen 
sich in einem in jeder Beziehung normalen Zustande befinden; insbesondere ist 
auch eine Bedingung, dafs der Beobachtende nicht schielt. Abgesehen von der 
sehr oft dem Laien selbst unbekannten Verschiedenartigkeit der Augen in Bezug 
auf die Sehschärfe giebt es eine grofse Anzahl von Menschen, welche, ohne es 
zu wissen, beim freien Sehen nur das eine Auge gebrauchen, z. B. infolge 
vielen Mikroskopirens. Solche Personen müssen das stereoskopische Sehen erst 
förmlich wieder erlernen, wie denn überhaupt die subjektive Veranlagung hierzu 
sehr verschieden ist und oft erst ausgebildet werden muls. Zur Prüfung und 
Ausbildung der vorhandenen Veranlagung ist von der Firma Carl Zeifs eine 
Prüfungstafel hergestellt, welche von hoher didaktischer Bedeutung ist. Es sei 
hier wenigstens auf die am Schlufs citirte diesbezügliche Arbeit des Herrn 
Dr. Pulfrich hingewiesen, 
Das Wesentliche der Fähigkeit des stereoskopischen Sehens besteht nun 
nicht, wie man von vornherein zu denken geneigt ist, in der absoluten Erfassung 
des Convergenzwinkels, welchen die Augenaxen beim Betrachten eines endlich 
entfernten Gegenstandes miteinander bilden. Die Beurtheilung dieser Winkel- 
gröfse spielt allerdings bei der absoluten Entfernungsschätzung mit unbewaff- 
netem Auge die Hauptrolle, Jedoch ist gerade die Angabe der absoluten Ent- 
fernung, wie allgemein bekannt und wie durch die Untersuchungen von Wundt‘) 
erwiesen, nur sehr ungenau. Weit vollkommener ist jedoch die menschliche 
Auffassungsfähigkeit für die Beurtheilung der Frage, ob ein Objekt näher oder 
{erner liegt als ein anderes, also die Fähigkeit, kleine Aenderungen im Con- 
rergenzwinkel zu erkennen. Diese Fähigkeit basirt aber auf nichts Anderem 
als auf dem hohen Erkennungsvermögen, welches der Mensch für höchst geringe 
Unterschiede in zwei nahezu gleichen Bildern besitzt, wenn er dieselben gleich- 
zeitig betrachten kann. In welcher Weise aus solchen kleinen Bildverschieden- 
heiten eine Aenderung im Convergenzwinkel wahrgenommen und damit ein 
stereoskopischer Eindruck zu Stande kommen kann, lehrt der folgende Versuch. 
Zeichnet man sich auf ein Blatt Papier einen kleinen Kreis und deutet 
seinen Mittelpunkt durch einen Punkt M an, so werden auf der Netzhaut der 
Augen zwei Bilder entstehen, welche völlig congruent sind. Das Gleiche wird 
der Fall sein, wenn man auf das Papier eine Glasplatte legt, welche auf der 
dem Papier zugewandten Seite ein kleines Kreuz trägt, dessen Mittelpunkt z. B, 
auf M gelegt werde. Sobald man nun aber die Glasplatte ein wenig hebt, so 
wird das rechte Auge das Kreuzchen nicht mehr in M, sondern ein wenig nach 
links verschoben sehen; desgleichen erblickt das linke Auge das Kreuzchen ein 
wenig nach rechts verschoben. Die Verschiebung wächst in dem Mafse, als 
die Glasplatte vom Papier entfernt wird. Die Augen sehen nun also nicht mehr 
zwei völlig gleiche Bilder, und eben durch diese Verschiedenartigkeit der 
Bilder kommt die räumliche Vorstellung zu Stande, dafs das Kreuzchen sich 
vor der Zeichenebene befindet. Die Entfernung der Zeichenebene vom Auge 
sicher anzugeben, wird nicht ganz leicht sein, wohl aber wird man selbst die 
geringste Entfernungsänderung des Kreuzchens gegen die Zeichenebene wahr- 
aehmen können, eben weil wir befähigt sind, selbst die geringste Verschieden- 
artigkeit der Bilder zu erfassen. — 
Es ist nun ohne Weiteres klar, dafs man diesen räumlichen Eindruck 
auch künstlich erzeugen kann, indem man zwei gleich grofse Kreise so neben- 
‘ Mitgetheilt in Helmholtz: „Physiologische Optik“, Berlin 1896.
	        
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