Der Bora-Sturm im: nördlichen ‚Adriatischen Meere am 31.Jan. u. 1, Febr. 1902, 329
vertiefte sich weiter, das es umgebende Depressionsgebiet breitete sich weiter
ostwärts aus und trat im Laufe des 1. Februar über Spanien mit der Depression
über dem Mittelmeere in Verbindung. Im Laufe des 31. Januar hatte auch
diese Depression eine von West nach Ost langgestreckte Gestalt angenommen,
und auch das Hochdruckgebiet über dem nördlichen Europa nahm eine immer
mehr in dieser Richtung sich langziehende Form an. Demzufolge verlaufen
auch die Isobaren vorwiegend westöstlich, und zwischen dem Kanal, der Nord-
see und der Ostsee einerseits, den Pyrenäen und europäischen Küsten des
Mittelmeeres andererseits besteht eine starke östliche Luftströmung, die auch
noch weit auf den Ozean sich erstreckt. Diese Luftströmung reicht bis in grofse
Höhen, wie Afsmann durch Berechnung der Isobaren in 2500 m Höhe am
1. Februar d. J.!) nachgewiesen hat. Aus allem diesen ergiebt sich, dafs in den
Boratagen eine ganz allgemeine östliche Luftbewegung über Europa und
wenigstens dem östlichen Theile des Nordatlantischen Ozeans geherrscht hat.
Man könnte diese Luftbewegung wohl als nach Norden verschobenen Passat
auffassen; einerseits wegen ihrer Selbständigkeit und weil sie durch ein scharf
ausgeprägtes Hochdruckgebiet von den westlichen Winden, die zu dieser Zeit
hoch nach Norden verdrängt sind, getrennt ist. In diesem Bestehen der passat-
artig allgemein nach Westen gerichteten Luftströmung mag wohl die Er-
klärung gefunden werden, dafs die Depression über dem Mittelmeere keine gegen
Osten gerichtete Bewegung annahm.
Ueber den Verlauf der Bora selbst in Pola giebt Herr Linienschiffsleutnant
W. Kefslitz in‘ der „Meteorologischen Zeitschrift“ 1902,‘ Seite 230 einen ein-
gehenderen Bericht, dem wir im Nachstehenden folgen.
Während in der Regel Borawetter mit einer Drehung des Windes nach
NW abschliefst,. und entweder kurze Zeit nach dem Maximum der Windstärke
Aufheiterung eintritt oder die an Stärke schon nachlassende Bora noch so lange
weht, bis die Wolkendecke völlig weggeblasen ist, drehte am 2. Februar d. J.
der abflauende ONO um 0* 45=in V, nach 0SO, wärend mildes Wetter mit sehr
ergiebigen Niederschlägen‘ noch längere Zeit fortdauerte. - .
Der Witterungsverlauf vom 30. Januar bis 2. Februar gestaltete sich
folgendermafsen:
Frischer Ost-Wind setzte am 30. Januar 6* V. bei typischer Alto-Stratus-
Bewölkung ein und erreichte bei unveränderter Richtung aus O nachmittags
eine Geschwindigkeit von 16.m p. Sek. Das Barometer zeigte tagsüber eine
steigende Tendenz; die Temperatur lag noch 4° über der normalen; um 5* N. trat
ziemlich starker Regen ein, der bis 1* V. des 31. Januar andauerte, .
Am 381. Januar hatte der Wind sehr stetig die Richtung O0, gegen Mittag
etwa OzN, das Maximum des Stundenmittels der Windgeschwindigkeit war 18 m
p. Sek. von 5 bis 6° V, Der Himmel hatte das für die „Bora scura“ charakteristische
Aussehen, die Bewölkung wurde nämlich durch eine dichte eintönige Alto-Stratus-
Decke gebildet, ohne deutliche Fracto-Nimbus-Bildungen, 8o dafs auch kein
Wolkenzug angegeben werden konnte; schwache intermittirende Regen gingen
zwischen 7* V, und 1* N. nieder, das Tagesmittel der Temperatur, welche nur
sehr geringe Schwankungen zeigte, lag. noch 2° über dem Durchschnittswerth.
Das Barometer behielt tagsüber noch immer eine steigende Tendenz, begann
aber von 10* N. an gleichmäfsig und stark zu fallen. .
. Im Laufe des Vormittags vom 1. Februar entwickelte sich die Bora zum
Sturme. Bei fortdauernd östlicher Windrichtung registrirte der Beckleysche
Anemograph des Hydrographischen Amtes von 8 bis 9" V. 26 m p. Sek. und von
11® V. bis Mittag 28 mp. Sek, im Stundenmittel, während der Dinessche Wind-
druckmesser um 8% 407% V, eine momentane Windgeschwindigkeit von. 32,5 m
p. Sek. aufzeichnete.
Die folgende Tabelle giebt die Aufzeichnungen der Windgeschwindig-
keiten in Metern per Sekunde zu Pola und auf dem astronomisch-meteorologischen
Observatorium zu Triest für den 1. Februar 1902:
1) „Das Wetter“, 1902, Heft 2, Seite 29,