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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

3938 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1902. 
jage über dem Ozean westlich von Europa ausdehnen müssen. Die Beobachtungen 
auf den Azoren geben uns dafür guten Anhalt. 
Am 28. Januar d. J. war der Luftdruck über dem gröfsten Theile Europas 
und auch über dem östlichen Theile des Nordatlantischen Ozeans nördlich vom 
45. Breitengrade niedrig. Von einem 770 mm übersteigenden Luftdruckgebiete 
bei den Azoren aus erstreckte sich jedoch hoher Luftdruck nach Osten hin über 
die Iberische Halbinsel und das südliche Mittelmeer; über die Balkan-Halbinsel 
hin vereinigte sich dieser hohe Luftdruck mit einem Hochdruckgebiet im Süd- 
osten des europäischen Russlands. Das Depressionsgebiet über Europa enthielt 
zwei tiefe Minima des Luftdruckes: über dem nördlichen Norwegen und über 
Grofsbritannien. Die folgenden Tage brachten nun eine vollständige Umgestaltung 
der Luftdruckvertheilung. Das Maximum des Luftdruckes wanderte von den 
Azoren aus sehr schnell in nordöstlicher Richtung, so dafs es am 30. Januar 
bereits über Schottland lag. Dabei läfst jedoch das zur Zeit vorliegende 
Beobachtungsmaterial noch unentschieden, ob das Hochdruckgebiet, welches 
dieses Maximum umgab, seine Selbständigkeit bewahrte oder etwa mit einem 
von den Gegenden Islands ausgehenden zweiten Hochdruckgebiete sich verband. 
Das Minimum über Norwegen füllte sich aus, während das andere am 28. über 
den Britischen Inseln lagernde Minimum, an Tiefe abnehmend, ostwärts der Ost- 
see und den russischen Ostseeprovinzen zuzog und dort schliefslich ebenfalls 
verschwand. Mit Ausnahme des Mittelmeergebietes nahm in diesen Tagen über 
ganz Europa der Luftdruck zu, so dafs das Gebiet niedrigen Luftdruckes über 
dem Mittelmeere bereits am 30. Januar von hohem Luftdruck rings umgeben 
und für sich abgeschlossen war. Indem nun der Luftdruck über dem übrigen 
Europa, ganz besonders stark aber in einem breiten Streifen, der von der 
nördlichen Nordsee und den Britischen Inseln nach dem Schwarzen Meere und 
Südrussland sich erstreckte, zunahm, über dem Mittelmeer aber noch etwas ab- 
nahm, entwickelten sich die Bedingungen für die über Italien und dem Adriatischen 
Meere wehenden Stürme. Ueber dem gröfseren nördlichen Theile Europas 
nahm der Luftdruck aufserordentlich hohe Werthe an, wie aus den Karten auf 
Tafel 13 ersichtlich; am 31, Januar abends und am 1. Februar morgens hatte 
das Barometer über der nördlichen Nordsee den für die dortige Gegend ganz 
ungewöhnlichen Stand von 790 mm erreicht. 
Es verdient in Bezug auf die Entwickelung dieser Luftdruckvertheilung 
hervorgehoben zu werden, dafs die Luftdruckvertheilung am 30, Januar über 
Europa der ' Druckvertheilung aufserordentlich ähnlich ist, welche Hann 
in Berghaus’ Physikalischem Atlas auf der Karte No. 36 für den Scirocco 
im Adriatischen Meere am 25. Februar 1879 giebt. Der weitere Verlauf 
der atmosphärischen Vorgänge nach jenem Tage ist aber von dem nach dem 
30. Januar d. J. gänzlich verschieden. Denn das an jenem 25. Februar über 
dem Tyrrhenischen Meere lagernde Minimum schreitet quer durch Centraleuropz 
nordnordostwärts nach der Ostsee vorwärts, während die zunächst „in sich 
abgeschlossene Depression, welche am 30. Januar d. J. zwischen Italien und 
Algier lag, wohl ihre Ausdehnung, Gestaltung und Tiefe etwas ändert, aber 
keine eigentliche fortschreitende Bewegung ihres ganzen Systems zeigt. Aus der 
momentanen Druck- und Temperaturvertheilung über Europa ist kein Grund für 
diese Verschiedenheit der Vorgänge nach dem 25. Februar 1879 und dem 
30. Januar d. J. zu erkennen, denn auch der Verlauf der Isothermen ist an den 
beiden Tagen gleichartig, so dafs auch bei Berechnung der Luftdruckvertheilung 
in gröfßseren Höhen man ähnliche Verhältnisse für beide Tage finden wird; nur 
sind am 30. Januar d. J. die wirklich bestehenden Wärmegrade meist niedriger 
als am 25. Februar 1879. Eine Erklärung für das verschiedene Verhalten nach 
den beiden genannten Tagen würde vielleicht in der gleichzeitigen Druck- 
vertheilung über dem Nordatlantischen Ozean gefunden werden können. Leider 
fällt das Jahr 1879 in die Lücke, welche zwischen den sogenannten Hoff- 
meyerschen und den von der Deutschen Seewarte und dem dänischen meteoro- 
logischen Institut herausgegebenen synoptischen Wetterkarten über den Nord- 
atlantischen Ozean und die anliegenden Kontinente besteht. An diesem 30, Januar 
bestand südwestlich von den Azoren ein Minimum unter 757 mm, das durch 
hohen Luftdruck über der Iberischen Halbinsel und Nordwestafrika von der 
Depression über dem Mittelmeere getrennt war. Das Minimum bei den Azoren
	        
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