Knipping, E.: Die Entwickelung der. Anweisungen‘ zum Manövriren in. Wirbelstürmen. 327
den Halsen liegt. Entwickelt sich der mäfsige Sturm zu einem. orkanartigen,
so mufs man auf eine Dauer von 30 Stunden rechnen und auf einen Barometer-
fall bis 742 mn. Das untersuchte Gebiet. erstreckt sich von 40°, bis 50° N-Br.,
von der Küste bis, 30° W-Lg. Für ein kleineres Gebiet würden die Anweisungen,
die die Statistik giebt, natürlich noch sicherer sein; dafür fehlt es aber. vor-
läufig an genügenden Beobachtungen. . a}
Für den. ganzen Atlantischen Ozean, d.h. 22 einzelne Gebiete, sind der-
artige, nur‘ vollständigere Anweisungen. zum Manövriren im Beiheft I der
Annalen, . August‘ 1901, von der Seewarte veröffentlicht worden, vollständig. in
tabellarischer Form, theilweise. in graphischer Darstellung,
Dampfer, Obwohl die Anweisungen zunächst für Segler «bearbeitet sind,
kann auch der Dampfer sie ohne Weiteres benutzen,‘ da die Grundlagen der
Anweisungen im Segelhandbuch des Stillen Ozeans jedem Abschnitt vorausge-
schickt sind. Die einzige wesentliche Abweichung beim Dampfer besteht darin,
dafs er da, wo der Segler beidreht, sich noch möglichst von der Bahn entfernt,
wenn er kann. Das Lenzen gilt in gleicher Weise für Dampfer wie Segler.
Da die Fahrt eines 16 Knoten-Dampfers bei Gegenwind von Stärke 10
auf die Hälfte herabgedrückt wird, die eines Postdampfers von 12 Knoten auf
etwa 5 bis 4, die eines Frachtdampfers von 9 Knoten auf 3 bis 2, während die
Bewegung der Wirbelstürme selten unter 6 bis 9 Knoten bleibt, so ist es um
die Bewegungsfreiheit eines Dampfers in solchen Stürmen nicht so wohl bestellt,
wie gewöhnlich angenommen wird. Das Kurshalten unter allen Umständen,
auch bei den sichersten und drohendsten Anzeichen der Nähe eines Wirbel-
sturmes, bringt die meisten Dampfer bald in eine Lage, die nicht viel besser
als die eines Seglers ist; man kann ihrer viele weder zum Abfallen noch zum
Anluven, also auch nicht zum Halsen, bringen und muls einfach Alles über sich
ergehen lassen.
Der Zeitverlust, den ein Dampfer in den seltenen Fällen, wo er es mit
einem ausgeprägten Wirbelsturm zu thun hat und die ein guter Beobachter fast
immer zeitig genug erkennen kann, durch Abwarten oder einen kleinen Umweg
erleidet, wird mehr als aufgewogen durch das Gefühl, richtig seemännisch ge-
handelt zu haben. Der durchhaltende Dampferkapitän erreicht in ernsten Fällen
sein Ziel gewöhnlich auch nicht eher als sein vorsichtigerer Kollege, und oft
in einer nicht beneidenswerthen Verfassung. Jedenfalls sollte es kein Dampfer-
kapitän für unter seiner Würde halten, bei sehr drohenden Anzeichen Unter-
schlupf zu suchen, wo es geht, oder in See einem gut ausgeprägten Wirbel-
sturme auszuweichen. Sein Rheder und alle anderen direkt Betheiligten, darunter
die Versicherungsgesellschaften, würden es ihm jedenfalls Dank wissen, ©.
Es gab. eine Zeit, vor 30 bis 50 Jahren, wo manche Seeleute zu viel
über Wirbelstürme lasen; jetzt scheint es umgekehrt zu sein, besonders infolge
der Zugahme der Dampferfahrt. Empfehlenswerth ist auch hierin die Mittel-
strafse.
Der Bora-Sturm im nördlichen Adriatischen Meere am 31. Januar
und 1. Februar 1902.
(Hierzu Tafel 13.)
An demselben Tage, an dem Hauptmann v. Sigsfeld seine Todesfahrt im
Luftballon unternahm, wehte über dem Adriatischen Meere eine schwere Bora,
deren Verlauf von dem gewöhnlichen dieser Erscheinung. erheblich abwich. Der
eigenartigen Umgestaltung der Luftdruckvertheilung über Europa, welche den
Boratagen voranging, folgte auch eine ebenso eigenartige weitere Entwickelung
der Luftdruckverhältnisse während und nach jenen Tagen.
. Um ein besseres Verständnifs für den Verlauf der. atmosphärischen . Vor-
gänge dieser Zeit zu erlangen, werden wir unseren Blick auch ‚auf die Wetter-