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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

Knipping, E.: Die Entwickelung der Anweisungen zum Manövriren in Wirbelstürmen, 325 
Der Lauf der Küsten beeinflufst selbst bis auf mehrere hundert Seemeilen 
hinaus in See die Peilung in merklicher Weise. 
Wenn aus den eben angeführten Sätzen auch hervorgeht, dafs die alten 
Regeln nicht mehr allein mafsgebend sein dürfen, so steckt in ihnen doch so 
viel Richtiges, so viel gesunde Praxis, dafs es ganz verkehrt wäre, Alles über 
Bord: zu werfen, weil ein Theil, die Mafsangaben über die Peilung und was 
davon abhängt, sich als nicht immer zutreffend herausgestellt hat. Die Angaben 
über die windstille Mitte, das schnelle Umspringen des Sturmes in der Nähe 
der Mitte, die entgegengesetzte Winddrehung auf Nord- und Südbreite, ja selbst 
die Acht-Strich-Regel, der Rath, zeitig beizudrehen und die Halsen der Wind- 
änderung an demselben Ort entsprechend zu wählen, all dies und manches 
Andere, was unsere eınsigen Vorgänger im Laufe vieler Jahre mit Bienenfleifs 
gesammelt und entdeckt haben, ist an seinem Orte und zu seiner Zeit auch 
heute noch brauchbar und werthvoll. Aber ein weiterer Ausbau der alten An- 
weisungen auf demselben Wege ist aussichtslos, weil die Uebersichtlichkeit 
fehlen würde, und diese ist für den Seemann, der in Nothfällen in einigen 
Minuten orientirt sein. sollte, unentbehrlich. 
Ein neuer Weg, Der nun folgende Schritt in der Entwickelung der 
Anweisungen steht nicht etwa im Gegensatz zu den beiden ersten Stufen, son- 
dern ergänzt sie nur in einfacher Weise, beruht aber auf anderen. Grundlagen 
und fafßst die Aufgabe von einem ganz anderen Ende an. Folgende Ueber- 
legungen führten ganz von selbst dazu. 
Wenn man von einem einzelnen Schiffe in See die ganze Beobachtungs- 
reihe über einen Wirbelsturm vor sich hat und sich also. in demselben Falle 
befindet wie der Kapitän an Bord; und nur die Richtung der Bahn für eine 
kurze Strecke bestimmen will, die noch dazu als geradlinig angenommen werden 
soll, mufs man immer noch mit einer Unsicherheit der Bahnrichtung von 2 bis 
3 Strichen ‚rechnen.!) Daraus folgt, dafs man mit weniger als einer halben 
Beobachtungsreihe, d; h. mit den ersten während des Beiliegens . gemachten 
Beobachtungen, und nach der ersten Windänderung bei Stärke 7 ‘bis 9 etwa, 
ebenso beim Fehlen der Aenderung, mindestens mit einer Unsicherheit von der 
doppelten. Gröfse, 4 bis 6 Strich, rechnen mufs. Gröfser ist aber bei unserer 
jetzigen. Kenntnifs der Bahnen in vielen Meeren auch die Unsicherheit in der 
Schätzung der Bahnrichtung nicht, wenn man einzig und allein nach Zeit, Schiffs- 
ort und den bisherigen Erfahrungen die Bahnrichtung ohne irgend welche Be- 
nutzung der eigenen Beobachtungen von vornherein schätzt. 
Beispielsweise wissen wir, dafs im Juli Taifune südlich von 26° N-Br. in 
einer Richtung zwischen WNW bis NNW voranschreiten, . 
Die ersten Anweisungen nach diesen neuen Gesichtspunkten erschienen 
in „Ann. d. Hydr. etc.“, 1887, Seite 112 ff.: „Taifunbahnen bei Japan nebst Winken 
zum Manövriren“, und später (1897) in dem Segelhandbuche. der Seewarte für 
den Stillen Ozean, Seite 254. . 
; Um den Unterschied zwischen den alten Regeln und den neuen An- 
weisungen klar zu machen, behandeln wir ein Beispiel nach beiden, 
Die Zeit sei September, der Ort 32° N-Br., 137° O-Lg., etwa 150 Sm süd- 
lich von der Owari-Bucht an der Südküste Japans. Wind SO 7 mit den be- 
kannten drohenden, so gut wie sicheren Anzeichen eines gut entwickelten Taifuns. 
Alte Regel (gültig jederzeit und überall). Beidrehen und zunächst ab- 
warten, ob eine Aenderung der Windrichtung eintritt, dann nach 1. oder 2. 
verfahren. . . 
Neue Anweisung (nur gültig für die japanischen Gewässer im Herbst). 
Bei Südostwind drehe man über St. B.-Halsen bei und bleibe beigedreht liegen, 
auch wenn die Windrichtung sich nicht ändern sollte. Der Dampfer suche noch 
möglichst SO zu holen.*) 
Die alte Regel sagt nichts über die Halsen, auf die das Schiff sofort 
gelegt werden soll. Die Bestimmung der endgültigen Halsen (oder des Lenzens) 
1) Näheres darüber findet der Leser in den „Ann, d. Hydr., ete.“, 1899, S. 183 £.: „Ueber 
den Genauigkeitsgrad der Bahnbestimmung stark ausgeprägter barometrischer Minima nach den 
Beobachtungen eines Schiffes in See“, besonders auf S. 189 unter: Ergebnisse, 
2 Seryelhandbuch a. a. O. unter CO, a.
	        
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