Zur Frage der Lothablenkung in dem Gebiete Vorderindiens.
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Die Koefficienten der aus der indischen Messung angesetzten Gleichungen
sind aber derart, dafs die Resultate der Rechnungen diese Gleichungen
möglichst genau erfüllen müssen und an denselben nur kleine Amplitud-
fehler ergeben können.
Die aus den übrigen Gradmessungen angesetzten Gleichungen haben
keine so bedeutenden Koeffieienten, um den Werthen, welche die
Gleichungen der ostindischen befriedigen, auch .wenn sie nicht unbe-
deutend fehlerhaft sind, einen Widerstand durch die Gröfse ihrer Fehler
entgegenzusetzen,
Wenn man die übrigen Gradmessungen mit Ausschlufs der ostindischen
für sich allein in Rechnung zieht, erhält man für w (Abplattung der
Erde) beträchtlich von denjenigen abweichende Werthe, die unter Mit-
wirkung der ostindischen Messung errechnet werden.
Diese Ergebnisse der übrigen Gradmessungen für g° und w vermitteln
an den Stücken der ostindischen Messung nicht unbeträchtliche Werthe
für die Amplitudfehler.
Man hat durchaus kein Hülfsmittel, um die wahren Polhöhefehler der
Punkte zu bestimmen, und aus den Werthen, welche man willkürlich
berechnet und als Polhöhefehler bezeichnet hat, folgt durchaus kein
Grund, um anzunehmen, die Lothablenkungen an den astronomisch be-
stimmten Punkten der ostindischen Gradmessung seien in Wirklichkeit
nicht so grofs, als sie nach den Lokalitäten und nach dem unter 1 Ge-
sagten mit allem Grunde vermuthet werden müssen. Jene Werthe haben
auch nicht einen Schein von Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für sich.
Wie schon erwähnt, gelangte Stokes auf einem anderen Wege zu ganz
ähnlichen Schlufsfolgerungen. Auch H. Bruns hat sich mit dem Gegenstande
in einer Abhandlung,. betitelt: „Die Figur der Erde“, 1878, Seite 15, befafst
und gewisse Schlufsfolgerungen gezogen. Es kann hier nicht des Näheren auf
die mathematischen Ausführungen von Bruns, indem er die Resultate aus den
Arbeiten der beiden genannten Forscher Fischer und Stokes!) zusammenfafst,
eingegangen werden. Wichtig ist noch für das Verständnils dieser Frage, was
Helmert in seinem Werke über die mathematischen und physikalischen Theorien
der höheren Geodäsie, I. Band, Seite 610 u. ff., sagt; er erörtert die hierbei zu
berücksichtigenden Grundgedanken in der ihm eigenthümlichen scharfen und
bündigen Weise, worauf hier nur verwiesen werden mag. In dem letzten Be-
richte der Internationalen Erdmessung,?) wo in einem Berichte von Major
Burrard das Wesentlichste der geodätischen Operationen in Indien in den
letzten Jahren in deren Ergebnissen niedergelegt ist,°) finden sich für das Ver-
ständnifs des in Uebersetzung hier vorliegenden Berichtes wichtige Ausführungen,
auf welche hier im Besonderen aufmerksam gemacht sein soll. Wenn es auch
nicht zu verkennen ist, dafs die Frage des Betrages und des Wesens der Loth-
ablenkung in Vorderindien noch nicht als endgültig beantwortet anzusehen ist,
so mufßs doch anerkannt werden, dafs durch die nun vorliegenden Arbeiten ein
wesentlicher Schritt voran geschehen ist, und zwar nicht allein mit Bezug auf
die einschlägigen Erscheinungen in Vorderindien, sondern mit Bezug auf die
Wirkungen grofser Gebirgsmassen auf geodätisch-astronomische Operationen
überhaupt. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint die Aufnahme des er-
wähnten Berichtes in den „Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteoro-
logie“ von Interesse und deshalb gerechtfertigt.
1) Stokes: „On the variation of gravity on the surface of the Earth.“ Trans. of the
Cambridge Phil, Soc. Vol. VIHL ;
2) „Verhandlungen der vom 25. September bis 6. Oktober 1900 in Paris abgehaltenen
XII. allgemeinen Konferenz. der Internationalen Erdmessung“, redigirt vom ständigen Sekretär
HE. G. van de Sande Bakhuyzen. 1901. Seite 115 bis 139.
3) „An Analysis of the Kalianpur astronomical observations of 1898—1899 and a consequent
reconsideration of the errors of the initial elements of the Indian Survey.“