Darwin, G, H:: Ebbe und Flut, Einführende Worte zur deutschen Uebersetzung.
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die Zuverlässigkeit der Vorhersagung der Gezeiten zu wünschen übrig lälst,
namentlich in solchen Fällen, in welchen das Beobachtungsmaterial noch lange
nicht genügend umfangreich ist und daher der Vervollständigung bedarf.
In mehreren Abschnitten beschäftigt sich der Verfasser mit der Frage
der Gezeitenreibung, einem Gegenstand, der in meisterhafter Weise beleuchtet
ist, wobei dafür Sorge getragen wird, dals seine Beziehungen zu kosmogonischen
Fragen, namentlich zu Veränderungen der Tageslänge, der Umläufe der Ge-
stirne etc. hervortritt. Sowohl in die weit zurückliegende Vergangenheit wie
auch in die fern vorausliegende Zukunft werden an der Hand dieser Erschei-
nungen Hypothesen aufgestellt, wobei aber nicht verschwiegen wird, wie viel
der Unsicherheit noch an den. Folgerungen haftet. Es ist höchst fesselnd, in
der weiteren Ausführung zur Theorie der Vertheilung und Anzahl der Trabanten
der Planeten hingeleitet zu werden. In anziehender Weise wird der Spekula-
tionen eines Kepler und Galilei gedacht und der Satire Swifts erwähnt,
welcher die Spekulationen der Mathematiker lächerlich zu machen. bestrebt ist,
während die Untersuchungen von Professor Asaph Hall, durch den Nachweis
der Existenz zweier Satelliten des Planeten Mars, die Satire eines Swift und
Voltaire in das richtige Licht stellten. Die Gezeitenreibung wird des weiteren
zur Besprechung der Dichtigkeit und Abplattung der inneren Erdschichten an
der Hand geologischer Anhaltspunkte beleuchtet und die Fälle erörtert, wenn
ein Planet theilweise oder ganz aus geschmolzener Lava oder einer anderen
Flüssigkeit bestände und dabei um eine auf der Ebene seiner Bahn senkrechte
Achse rotirte: Interessant ist auch das Kapitel von den Gleichgewichtsfiguren
von Maclaurin, Jacobi und Poincare über stabile und instabile Zustände,
welche auch den Uebergang der einen Form in die andere beleuchten und
deren Beziehungen zwischen Abplattung und Dichtigkeit erweisen.
Endlich wird auch im XIX. Kapitel der Theorie der Weltentstehung
von Kant und Laplace eingehend gedacht, die Nebularhypothese, sowie andere
die Kosmogonie berührende Fragen kritisch beleuchtet. Den Schlufs des Ganzen
bildet die Erörterung der Natur der Ringe des Planeten Saturn, wobei vom Ver-
fasser die Wichtigkeit der schon im Jahr 1857 aufgestellten mathematischen
Erörterungen von Clerk Maxwell gebührend hervorgehoben wird; daraus er-
scheint als erwiesen, dafs das Problem der Ringbildung dieses Planeten zurück-
zeführt werden mufs auf die Thatsache, dafs diese Ringe aus getrennten Theil-
chen der Materie bestehen, welche wohl eine nahe Verwandtschaft mit jener
der Meteoriten haben. wird. Zum Schlusse dieses Kapitels werden die Unter-
suchungen des Professors Keeler, des verstorbenen Direktors des Lick-Obser-
vatoriums, gedacht, durch welche der Beweis der meteoritischen Konstitution
der. Ringe nach des Verfassers Auffassung als vollständig erbracht angesehen
werden muß.
Es darf hier wohl erwähnt werden, dafs das englische Original, das der
Uebersetzung zu Grunde liegt, nachträglich noch durch Zusätze und KErörte-
rungen ‚seitens des Verfassers selbst erheblich erweitert wurde, die in dem
deutschen Werk Berücksichtigung gefunden haben.
Aus dieser flüchtigen Analyse des in dem vorliegenden Buche über die
Gezeiten. Gebotenen erkennen wir, wie weit der Gegenstand, der an und für
sich dem’ weniger Eingeweihten enger begrenzt erscheint, ausgedehnt und zu
den weitgehendsten Folgerungen fortgeführt wurde. In diesem Sinne ist die
vorliegende Uebersetzung, die als durchaus zuverlässig, weil von dem Verfasser
autorisirt, angesehen werden kann, eine willkommene Gabe der Erweiterung der
deutschen einschlägigen Litteratur. Nicht rühmend genug kann hervorgehoben
werden, dafs die am Schlusse eines jeden Kapitels enthaltenen Litteraturnach-
weise Jeden, der sich mit dem Gegenstande eingehender beschäftigen will, ohne
grofse Mühe in die Lage versetzen, seine Studien nach den Quellenwerken zu
vervollständigen. . .
In gleicher Weise mufs hervorgehoben werden, dafs ein ins. Einzelne
gyehendes Inhaltsverzeichnifs zu Anfang und ein am Schlusse gegebenes genaues
Register die Benutzung des Werkes ganz erheblich erleichtert. Die Verbrei-
tung, dieser Schrift kann daher nur im Interesse des Studiums des Gezeiten-
phänomens und der Erkenntnifs der Tragweite desselben mit Beziehung auf ver-
wandte Erscheinungen im Sonnensysteme eindringlich empfohlen werden.