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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

Darwin, G, H:: Ebbe und Flut, Einführende Worte zur deutschen Uebersetzung. 
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die Zuverlässigkeit der Vorhersagung der Gezeiten zu wünschen übrig lälst, 
namentlich in solchen Fällen, in welchen das Beobachtungsmaterial noch lange 
nicht genügend umfangreich ist und daher der Vervollständigung bedarf. 
In mehreren Abschnitten beschäftigt sich der Verfasser mit der Frage 
der Gezeitenreibung, einem Gegenstand, der in meisterhafter Weise beleuchtet 
ist, wobei dafür Sorge getragen wird, dals seine Beziehungen zu kosmogonischen 
Fragen, namentlich zu Veränderungen der Tageslänge, der Umläufe der Ge- 
stirne etc. hervortritt. Sowohl in die weit zurückliegende Vergangenheit wie 
auch in die fern vorausliegende Zukunft werden an der Hand dieser Erschei- 
nungen Hypothesen aufgestellt, wobei aber nicht verschwiegen wird, wie viel 
der Unsicherheit noch an den. Folgerungen haftet. Es ist höchst fesselnd, in 
der weiteren Ausführung zur Theorie der Vertheilung und Anzahl der Trabanten 
der Planeten hingeleitet zu werden. In anziehender Weise wird der Spekula- 
tionen eines Kepler und Galilei gedacht und der Satire Swifts erwähnt, 
welcher die Spekulationen der Mathematiker lächerlich zu machen. bestrebt ist, 
während die Untersuchungen von Professor Asaph Hall, durch den Nachweis 
der Existenz zweier Satelliten des Planeten Mars, die Satire eines Swift und 
Voltaire in das richtige Licht stellten. Die Gezeitenreibung wird des weiteren 
zur Besprechung der Dichtigkeit und Abplattung der inneren Erdschichten an 
der Hand geologischer Anhaltspunkte beleuchtet und die Fälle erörtert, wenn 
ein Planet theilweise oder ganz aus geschmolzener Lava oder einer anderen 
Flüssigkeit bestände und dabei um eine auf der Ebene seiner Bahn senkrechte 
Achse rotirte: Interessant ist auch das Kapitel von den Gleichgewichtsfiguren 
von Maclaurin, Jacobi und Poincare über stabile und instabile Zustände, 
welche auch den Uebergang der einen Form in die andere beleuchten und 
deren Beziehungen zwischen Abplattung und Dichtigkeit erweisen. 
Endlich wird auch im XIX. Kapitel der Theorie der Weltentstehung 
von Kant und Laplace eingehend gedacht, die Nebularhypothese, sowie andere 
die Kosmogonie berührende Fragen kritisch beleuchtet. Den Schlufs des Ganzen 
bildet die Erörterung der Natur der Ringe des Planeten Saturn, wobei vom Ver- 
fasser die Wichtigkeit der schon im Jahr 1857 aufgestellten mathematischen 
Erörterungen von Clerk Maxwell gebührend hervorgehoben wird; daraus er- 
scheint als erwiesen, dafs das Problem der Ringbildung dieses Planeten zurück- 
zeführt werden mufs auf die Thatsache, dafs diese Ringe aus getrennten Theil- 
chen der Materie bestehen, welche wohl eine nahe Verwandtschaft mit jener 
der Meteoriten haben. wird. Zum Schlusse dieses Kapitels werden die Unter- 
suchungen des Professors Keeler, des verstorbenen Direktors des Lick-Obser- 
vatoriums, gedacht, durch welche der Beweis der meteoritischen Konstitution 
der. Ringe nach des Verfassers Auffassung als vollständig erbracht angesehen 
werden muß. 
Es darf hier wohl erwähnt werden, dafs das englische Original, das der 
Uebersetzung zu Grunde liegt, nachträglich noch durch Zusätze und KErörte- 
rungen ‚seitens des Verfassers selbst erheblich erweitert wurde, die in dem 
deutschen Werk Berücksichtigung gefunden haben. 
Aus dieser flüchtigen Analyse des in dem vorliegenden Buche über die 
Gezeiten. Gebotenen erkennen wir, wie weit der Gegenstand, der an und für 
sich dem’ weniger Eingeweihten enger begrenzt erscheint, ausgedehnt und zu 
den weitgehendsten Folgerungen fortgeführt wurde. In diesem Sinne ist die 
vorliegende Uebersetzung, die als durchaus zuverlässig, weil von dem Verfasser 
autorisirt, angesehen werden kann, eine willkommene Gabe der Erweiterung der 
deutschen einschlägigen Litteratur. Nicht rühmend genug kann hervorgehoben 
werden, dafs die am Schlusse eines jeden Kapitels enthaltenen Litteraturnach- 
weise Jeden, der sich mit dem Gegenstande eingehender beschäftigen will, ohne 
grofse Mühe in die Lage versetzen, seine Studien nach den Quellenwerken zu 
vervollständigen. . . 
In gleicher Weise mufs hervorgehoben werden, dafs ein ins. Einzelne 
gyehendes Inhaltsverzeichnifs zu Anfang und ein am Schlusse gegebenes genaues 
Register die Benutzung des Werkes ganz erheblich erleichtert. Die Verbrei- 
tung, dieser Schrift kann daher nur im Interesse des Studiums des Gezeiten- 
phänomens und der Erkenntnifs der Tragweite desselben mit Beziehung auf ver- 
wandte Erscheinungen im Sonnensysteme eindringlich empfohlen werden.
	        
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