280 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1902,
viel noch hervorgehoben, dafs der Autor den Versuch gewagt hat, den an und
für sich so schwierigen Gegenstand ohne mathematische Erörterungen klarzu-
legen. Ob es in allen Fällen gelungen ist, durch die gegebenen Definitionen
und Erörterungen Gegenstände wie beispielsweise die Methode der harmoni-
schen Analyse der Gezeiten auf diesem Wege dem Leser zum vollen Verständ-
nifs zu führen, mufs dahingestellt bleiben. Sagt doch der Autor selbst, indem
er sich der Schwierigkeit bewufst ist, dafs er zweifle, die ihm vorschwebende
Aufgabe zur vollen Zufriedenheit gelöst zu haben. Unerachtet solcher Er-
wägungen mufs es als höchst dankenswerth anerkannt werden, dafs dieser
Versuch gemacht wurde, und zwar um so mehr, als wir in der deutschen
Litteratur einen Versuch dieser Art nicht, oder doch in diesem Umfange nicht,
zu verzeichnen haben. Es kann nur eindringlich empfohlen werden, sich in den
befolgten Gedankengang hineinzufinden, da namentlich das "Technische, das aus
den Ausführungen hervorgeht, nur von Vortheil sein kann. Ganz dasselbe gilt
von dem, was der Autor über die flutherzeugende Kraft im V. Kapitel des
Buches sagt, wo er sich bemüht in Bezug auf die verschiedenen auf die Fluth
einen Einflufs äufsernden Elemente eine klare Einsicht zu ermöglichen. Es ist
zweifellos, dafs das Bestreben eines weniger in der Mitte der Forschung
stehenden Gelehrten, als es Darwin ist, von einem vollen Erfolge gerade auf
diesem Gebiete nicht begleitet sein könnte.
Von hohem Interesse ist, was von der Abweichung der Lothlinie, und
daran anknüpfend, was von der seismologischen Forschung im VI. Kapitel ge-
sagt wird.
Uebergehend auf die Untersuchungen mit dem Horizontalpendel, wird in
eingehender Weise der Arbeiten des leider zu früh verstorbenen jungen Ge-
lehrten Rebeur-Paschwitz und der Tragweite derselben in Verbindung mit den
Ehlertschen und jenen von Kortazzi in Nikolajew gedacht. Auch der Unter-
suchungen von dem Verfasser in Verbindung mit jenen seines Bruders Horace
wird Erwähnung gethan und die Verbindung derselben mit den Erscheinungen
des Gezeitenphänomens hervorgehoben.
Es ist ja wohl an und für sich einleuchtend, dafs mit den Vorgängen
der Ebbe- und Flutherscheinungen die elastische Deformation der Erdoberfläche
behandelt werden mufs. Die wechselnde Belastung unter dem KEinflusse der
Ebbe und Fluth mufßs das Meeresbett, sowie auch das Land verändern; es
werden die numerischen Werthe des Einflusses dieses Wechsels in Kürze ge-
geben und in gleicher Weise das Bestimmende in der Luftdruckschwankung
hervorgehoben. In dem VIII. Kapitel finden wir in durchsichtiger Weise die
Gleichgewichtstheorie der Gezeiten in ihrer Unhaltbarkeit beleuchtet, und im
Gegensatze dazu im 1X. Kapitel die dynamische Theorie der Fluthwelle an der
Hand der Erscheinungen der freien Welle, wie sie durch Erdbeben erzeugt
wird, und der erzwungenen Welle als Folge der Einwirkung äufserer fort-
während wirkender Kräfte erörtert. Es ist von hohem Interesse, diesen Dar-
legungen zu folgen, in welchen darauf hingewiesen wird, wie sich die erzwun-
gene Schwingung eines Pendels zu dem dynamischen Prinzip in dem Gezeiten-
phänomen, verhält.
Es darf wohl nicht erst gesagt werden, dafs bei allen hier erwähnten
Erörterungen Sorge dafür getragen wird, dafs die Definitionen der einzelnen
Elemente, wie beispielsweise der halbtägigen Fluthen, der elliptischen Mond-
Auth, der ganztägigen Periode und der Hafenzeit mit besonderer Sorgfalt dar-
gelegt werden. Die Grundlage der Methode der harmonischen Analyse, welche
jetzt so vielfach in Untersuchungen verwandter Art zur Anwendung kommt,
wird in allgemein fafslicher Weise, ohne die Verwendung mathematischer Er-
örterungen darzulegen versucht. Ein ganz besonderes Kapitel wird der Syn-
ihese der Partialwellen und der Einrichtung der Gezeitentafeln gewidmet, bei
welcher Erörterung das Thema der Gezeitenvorhersagung folgerichtig berührt
wird. Den Instrumenten für diesen Zweck, welche namentlich durch Lord
Kelvin und Herrn Roberts zu einer grofsen Vollkommenheit geführt worden
sind, widmet der Verfasser eine besondere Sorgfalt, wobei nicht versäumt wird,
darauf hinzuweisen, welchen Grad der Zuverlässigkeit Apparate dieser Art
beanspruchen können. An einzelnen Beispielen, die für Jeden, der sich mit
dem Gegenstande beschäftigt, von Bedeutung sind, wird gezeigt, wie sehr noch