Darwin, 6. H.: Ebbe und Flut. Einführende Worte zur deutschen Uebersetzung. 279
einzuführen mir erlaube, so.möchte ich dies mit aller Bescheidenheit thun. Der
Gegenstand, der darin vorzugsweise behandelt wird, ist zwar von nautischem
und maritimem Interesse, allein der Umfang des Gegenstandes ist so sehr über
die gewöhnlich für Werke dieser Art innegehaltene Grenze ausgedehnt worden,
dafs er in Wirklichkeit. zu einer Kosmogonie anwuchs, wodurch eine solche
Summe von allgemeinem Wissen zur Beherrschung erfordert wird, dals ich einen
Anspruch auf volle Bewältigung der Materie nicht erheben kann, Aber anderer-
seits ist die Behandlung des Gezeitenphänomens und alles dessen, was zu seiner
Beobachtung und wissenschaftlichen Verwerthung erforderlich ist, so eingehend
hier behandelt, dafs es als eine werthvolle Bereicherung unserer deutschen ein-
schlägigen Litteratur anzusehen ist. Das, was hier geboten wird, ist nicht nur
für den gebildeten Laien, sondern auch für den Fachmann von Werth. Das
Studium dieses Werkes über „Ebbe und Flut, sowie verwandte Erscheinungen
im Sonnensystem“ ist geeignet, neue und hochinteressante Ausblicke in das
Universum zu eröffnen, und Vielen wird die Wiedergabe des Werkes des geist-
vollen englischen Gelehrten in deutscher Sprache hochwillkommen sein. Aus
diesen Erwägungen zögerte ich denn auch nicht, dem Wunsche des Verlegers
zu entsprechen, in der Hoffnung, auch manchem wissenschaftlichen Seemann
durch diese Darlegungen eine Einsicht in das Wesen einiger mit seinen Berufs-
beobachtungen verwandten Wissenschaften gewähren zu können. Andererseits
enthält das von einem Meister in der Fachwissenschaft verfalste Werk soviel
des Hochinteressanten, dafs es nur zur eingehenden Lektüre wärmstens em-
pfohlen werden kann,
Von besonderem Werthe sind namentlich auch die Ausführungen über
die Methoden der Beobachtung der Gezeiten und die Instrumente, welche zu
den Aufzeichnungen der Ebbe- und Fluthschwankungen benützt werden können,
and ist dieser Theil durch einfache, aber dem Zweck genügende Zeichnungen
illustrirt. Die Wiedergabe von Fluthkurven, wie sie beispielsweise in Bombay
erhalten worden sind, beleuchtet die Art der Registrirungen. Von Werth sind
auch die gleich in dem ersten Kapitel gegebenen Winke für eine zweckmälsige
Aufstellung der Fluthapparate und für die Wahl des Beobachtungsortes. Auf
den letzteren Punkt wird mit Recht ein besonderer Nachdruck gelegt, damit
brauchbare, d. h. die Flutherscheinungen an einem Orte darstellende Beobach-
tungen erhalten werden können.
Gewissermafsen als eine Vorstudie und Einführung in die auf das Ge-
zeitenphänomen Bezug habende Darstellung wird gleich in dem II. Kapitel das
interessante Gebiet der Seeschwankungen gründlich erörtert und auch hierbei
alles Wesentliche, was auf die Aufzeichnungen dieser Schwankungen (Seiches)
Bezug hat, in Kürze angegeben; besondere Aufmerksamkeit wird den auf diesem
Gebiete bahnbrechenden Arbeiten Dr. Forels am Genfer See gezollt. Der in
Morges aufgestellte Plemyrameter wird besprochen, und seine Aufzeichnungen
werden erklärt, sowie der Unterschied des Charakters der Welle in tiefem und
in flachem Wasser beschrieben.
In einem weiteren Kapitel geht der Verfasser über auf das Gezeiten-
phänomen in Flüssen und erörtert das Fortschreiten der Welle an einzelnen
lokalen Beispielen, was ihn zu der interessanten Erscheinung der „Bore“ führt,
wobei namentlich eine der bedeutendsten Erscheinungen dieser Art, nämlich im
Tsien-Tang-Kiang, beschrieben und die Beobachtungsergebnisse dargelegt werden.
Sodann erhalten wir eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte der
Studien des Gezeitenphänomens, welche Jedem, der sich mit dem Gegenstand
befafste, willkommen sein dürfte.
Es kann nicht die Absicht dieser einführenden Worte sein, im Einzelnen
auf die in den Kapiteln behandelten Fragen einzugehen; allein es sei nur so
erheblicher Bedeutung angesehen werden und wird wohl auch von seemännischer Seite eine ein-
gehende Würdigung finden. Aus diesem Grunde erachten wir es als eine Pflicht, auf dasselbe auch
in diesen Blättern einzugehen, und dürften sich hierfür die von dem Direktor der Seewarte dem-
selben vorgedruckten „Einführende Worte“ eignen. Wir geben dieselben hiermit mit einigen unwesent-
lichen Aenderungen wieder. Aus denselben dürften zur Genüge Umfang und Bedeutung des
Darwinschen Werkes erhellen, und wird man der Verlagsbuchhandlung nur Dank’ wissen für die
Wiedergabe desselben in deutscher Sprache, Uebersetzung und Ausstattung des Werkes verdienen
unsere volle Anerkennung.