276 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1902.
auch ermöglicht, die anderen Theile ihres Arbeitsgebietes wieder mehr zu
pflegen, als es die Umstände in der letzten Zeit zuliefsen,
Bei der Auswahl des Stoffes, der in den „Annalen der Hydrographie etc.“
zu behandeln sein wird, können die Veränderungen in den Verhältnissen der
Seefahrt, betreffend ihren eigenen Betrieb, ebenso die Veränderungen derselben
in ihrer unmittelbaren Beziehung zu weiteren Kreisen der Technik und der
Wissenschaft, sowie in ihrer Bedeutung für das geschäftliche und allgemein
m Leben der Bevölkerung Deutschlands offenbar nicht aufser Acht ge-
assen werden.
Die Vorherrschaft der Dampfschiffahrt hat zum Theil die alten bei der
Navigirung zu beobachtenden Gesichtspunkte verschoben und ganz neue in Er-
scheinung treten lassen, Die größere Geschwindigkeit der Fahrt erfordert die
Einführung neuer Hülfsmittel und die weitere Ausbildung älterer zur Sicherung
der Seefahrt. Die maschinellen Einrichtungen und dementsprechend das an
Bord vorhandene technische Personal bieten die Möglichkeit der Anwendung
neuer Zweige der Technik zu gröfserer Sicherheit der Fahrt, sowie zu größerer
Schnelligkeit und Bequemlichkeit des Schiffsbetriebes. So arbeiten denn auch
heute neue und weiteste Zweige der Wissenschaft und Technik, die zum Theil
dem nautischen Betriebe sonst fernstehen, mit an der Förderung und dem Ge-
deihen der Seefahrt.
Um aber alle diese Bestrebungen zu erfolgreicher Wirksamkeit zu bringen
und dieselben in zweckentsprechende Bahnen zu leiten und darin zu erhalten,
bedarf es einer gegenseitigen engeren Fühlung der nautischen, wissenschaftlichen
und technischen Kreise miteinander, Wie der Schiffsführer zur richtigen An-
wendung der Methoden und Einrichtungen einer eingehenderen Kenntnifs der-
selben nicht entbehren kann, so braucht auch der Mann der Wissenschaft und
Technik die Kenntnifs der Verhältnisse, unter denen seine Vorschläge Ver-
wendung finden, sowie der Schwierigkeiten, welche sich etwa dabei heraus-
stellen, um wahrhaft brauchbare Erfolge zu erreichen.
Der Austausch der Erfahrungen wird nicht allein innerhalb der see-
männischen Kreise in hohem Grade anregend und fördernd, sondern auch viel-
fach auf die Bestrebungen der Technik und Wissenschaft befruchtend wirken.
Dies hat sich auf anderen Gebieten in unserer Zeit der Technik auch bereits
mehrfach gezeigt, indem die Technik in einigen Fällen der Wissenschaft voraus-
geeilt ist und ihr neue Probleme zur Lösung gestellt hat. Desgleichen ist auch
eine geistige Verbindung der einzelnen für den Schiffsbetrieb in Betracht
kommenden Zweige der Technik unerläfslich; denn verschiedene technische
Einrichtungen an Bord beeinflussen oft in nachtheiliger Weise die Wirkung
anderer technischer Vorrichtungen, welche besonderen andersartigen Zwecken
zu dienen bestimmt sind,
Die Forschungen auf dem Gebiete der Meereskunde insbesondere sind
naturgemäfs so eng mit der Seefahrt verknüpft, dafs auch hier die Fortschritte
und die neu gewonnenen Erfahrungen auf dem einen Gebiete nicht ohne Einflufs
zuf das andere bleiben, ja oft neue Aufgaben für dasselbe bringen. In dieser
Hinsicht sei besonders auf einen bereits vor über einem Vierteljahrhundert in
den „Annalen der Hydrographie etc.“ 1875, Seite 126, erschienenen Aufsatz von
Herrn Professor Dr. Orth hingewiesen.
Auch die Geschäftswelt, welche in unmittelbarer Beziehung zur Seefahrt
steht, hat ein lebhaftes Interesse sowohl an der Kenntnifs der Bedingungen
and Verhältnisse, unter denen sich der Seeverkehr abspielt, als auch an der
Kenntnifs der für den letzteren getroffenen Einrichtungen. Durch eine solche
Kenntnifs wird dieselbe in den Stand gesetzt, durch zweckentsprechende An-
ordnung und intensive Ausnutzung der gebotenen Hülfsmittel um so kräftiger
in den allgemeinen Wettbewerb des See- und Weltverkehrs einzutreten.
Endlich bekunden die Flottenbestrebungen der neueren Zeit sowie die
Bildung und die rege Thätigkeit zahlreicher Flotten- und anderer nautischer
und seemännischer Vereine wie die Erkenntnifs, dafs Deutschlands Zukunft auf
dem Meere liegt, immer mehr Raum in allen Schichten des deutschen Volkes
gewonnen hat und wie das Verlangen zunimmt, dafs auch die Errungenschaft
der nautischen Technik, Wissenschaft und Erfahrung in sachgemäfser Form
weiteren Kreisen zugänglich gemacht werde.