iA
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1902.
wollte, dafs er nicht sicher wisse, ob er vor Dunkelwerden den Pafs passirt
haben würde. Gleich darauf trieb die andere grofse Dschunke, Kiel oben, — sie
war mitten im Strome gekentert — kurz nach Eintritt der Nacht vorbei. Zwei Tage
später in Kweifu erfuhr man, dafs die Hälfte der Mannschaft ertrunken sei, und
dafs die Dschunke, wenn sie nicht unterwegs zerschellt sei, nur in dem ruhigen
Wasser bei Itschang geborgen werden könne.
Der Bellows-Engpafs ist durchschnittlich 1’ Kblg breit, wird jedoch durch
felsige Untiefen bis auf %4 Kblg an drei Stellen versperrt, auch ist er zu dieser
Jahreszeit voll von Stromwirbeln. Der Felsen, hinter dem die Dschunke die
Nacht über lag, besteht aus sehr hartem Kalkstein und Feuerstein und hatte das
Aussehen von Essenschlacken. Zur Zeit war die Spitze 9 bis 15 m über Wasser,
im Spätsommer ist sie jedoch ganz unter Wasser, so dafs die ganze Ober-
fläche vom Wasser allmählich weggewaschen wird. Der Felsen ist aber
zu hart, um ihn zu zerbröckeln, wie es bei unzähligen anderen Klippen im
Strome der Fall ist. An der engsten Stelle dieses Passes, nahe bei seiner oberen
Einfahrt, sind bei niedrigem Wasserstande die Pfeiler und Löcher in den Felsen
noch sichtbar, von denen aus Ketten über den Yangtse gezogen waren während
des sagenhaften Krieges der „drei Königreiche“, der im dritten Jahrhundert mit
dem Fall der grofsen Han-Dynastie endigte. Diese ganze Gegend ist an Sagen
reich. Unterhalb dieser Stelle sind 40 cm breite und 60cm tiefe viereckige
Löcher aus dem etwa 150m hohen Kalksteinfelsen geschlagen, die als Mengliangs-
Leiter bekannt sind. Liupeh, der letzte Kaiser der Han-Dynastie, erbaute hier
den prachtvollen Tempel Pehtitscheng oder die Stadt des Weifsen Kaisers, so
genannt nach dem himmlischen Gründer und Schutzheiligen. Von den mit Holz
belegten Terrassen gewinnt man eine herrliche Aussicht über den Engpafs, dessen
höchster Felsabhang etwa 900 m hoch ist, und über die malerische Stadt Kweifu,
3 Sm flufsaufwärts, am linken Ufer des seeartigen Flufsstriches.
Da der Flufs in der Nacht um 3m stieg, mufßten die Vertäuungen des
Bootes beständig verlegt werden. Bei Tagesanbruch fuhr Arch. Little im
Rettungsboot nach dem linken Ufer hinüber und erklomm es bis zur Neuen
Strafse. Die Strafse wurde im Jahre 1888 durch einen Vizekönig von Kweifu
westwärts nach der etwa 50 Sm entfernten Grenze Hupehs angelegt, wo sie beim
Passiren der Engpässe aus den Kreidefelsen ausgehauen ist und durch eine
niedrige Steinwehr begrenzt wird. Diese Strafse ist jetzt werthlos; sie endigt
plötzlich in der Mitte des Wuschan-Engpasses und beginnt bereits zu zerfallen.
Sie würde, wenn sie bis zu dem 80 Sm entfernten Itschang fortgeführt würde,
einen unschätzbaren Werth für die Verbindung mit Setschuan dargestellt haben,
für die jetzt nur der Wasserweg auf dem Yangtse besteht.
Die Stadt des Weifsen Kaisers, das westliche Ende der Neuen Strafe, ist
aur noch ein kleines Dorf. Ein Theil der alten konkreten Mauer besteht noch,
durchbrochen durch ein altes Thor, durch das der Weg nach der 3 Sm entfernten,
mit einer hohen Mauer umgebenen Stadt von Kweifu führt. Kigenthümlich
berührt den Beschauer der Anblick, wenn er zu dieser Jahreszeit den 60m zu
seinen Füfsen liegenden, ruhigen See sieht und nichts darin von einer
Aeifsigen Stadt bemerkt, die jeden Sommer unter Wasser ist und im Winter,
wenn der Flufswasserstand niedriger ist, wieder aufgebaut wird. In Kweifu sind
Kohlen reichlich und billig (4 sh. die Tonne) zu haben.
Von Kweifu nach Wan Hien wurden Stromschnellen nicht bemerkt. Die
AHaschenhalsartige Bellows-Enge hatte das Wasser hier aufgestaut, der reifsende
Miaochi und der gefürchtete Hsinlungtan waren nicht vorhanden. Der Wasser-
stand im Flusse betrug jetzt 30 m über dem im Winter. Der */a bis %4 Sm
breite Flufs lief ruhig zwischen grünen Abhängen hin, keine Klippe war sichtbar,
Der Farbenunterschied zwischen dem Dunkelgrün des Mais, der die niedrigeren
Abhänge bedeckte, und dem chokoladebraunen Wasser an deren Fuße, war
sehr auffallend, sowie auch das Fehlen jeglichen Lebens an der Stelle der Neuen
Grofsen Stromschnelle, die durch den Krdrutsch im Jahre 1896 entstand. Von
einer Stadt war keine Spur zu finden, die Häuser waren meist fortgeschafft, die
Stelle war ganz unter Wasser. Auf dem hohen Lande darüber steht jedoch ein
schöner, grofser Buddhisten-Tempel, der dem Wang Se, dem Schutzheiligen der
Bootsleute, geweiht ist, und zu dessen Unterhaltung von den Besatzungen der