Wedemeyer, A.: Eine Stromfahrt flufsanfwärts auf dem oberen Yangtse. 13
liche Schlagen von Pauken und Gongs, das theils als Signal, theils zum Ver-
treiben der bösen Geister dienen soll, machen einen nie zu vergessenden Höllen-
lärm.“ Im Sommer ist das Landschaftsbild ganz verändert. Die Klippen liegen
unter Wasser, die im Winter darauf stehenden Hütten sind verschwunden, die
Dschunkenleute treiben Ackerbau. Das Wasser des !/s Sm und mehr breiten
Flusses ist schlicht, und nur selten wird eine Dschunke sichtbar.
Die Dschunke, die nur geringen Tiefgang hatte, wurde ohne Schwierigkeit
über den etwa 2! m hohen, steilen, kurzen, ruhigen Yehtan-Wasserfall hinweg-
gezogen. Die Schleppleinen wurden um Poller gelegt, die in einem eigens dazu
erbauten weiten, soliden Gebäude aus Stein gut oberhalb der Hochwassermarke
befestigt waren. Die Arbeit nahm kaum zwei Tage in Anspruch. Bei dieser
Gelegenheit möge erwähnt werden, dafs die Dschunke‘ ein grofses vierriemiges
Kwatze, wie man die auf dem oberen Yangtse verkehrenden Boote nennt, von
24 m Länge, 3,6 m Breite und 1,2 m Tiefgang war, Unbeladen ging sie
etwa 0,6 m tief. Sie war leicht zu schleppen und segelte schnell. 47 Mann
waren im Ganzen zur Bedienung nöthig, davon verblieben stets zehn Mann an
Bord, 24 Mann wurden zum Treideln und S Mann im Beiboote beschäftigt, das
diese Mannschaften von der Dschunke an Bord, von Ufer zu Ufer und über
Seitenarme und sonst unpassirbare Stellen bringen mufste, schließlich noch fünf
Mann im Rettungsboot, das der Dschunke für den Fall eines Unglücks folgte.
Oberhalb des Yehtan-Wasserfalles ging die Fahrt langsam von statten, Der
Flufs war schlecht zu passiren, die Stromwirbel waren zeitweise trügerisch, be-
sonders die bei der Niuko- oder Ochsenkopf-Stromschnelle, wo:das englische
Kriegsschiff „Woodlark“ gegen das felsige Ufer geworfen worden war und ihm der
Boden des Vorderraumes ganz eingedrückt wurde. Dieses wurde sofort aus-
gebessert, und gegen alle Erwartung konnte das Schiff die Reise nach Tschung-
king fortsetzen. Der Felsen, auf dem in grofsen Buchstaben dieser Vorgang
von der Manuschaft damals verzeichnet wurde, war ganz unter Wasser, als
Archibald Little die Stelle passirte. Die 22 Sm lange Fahrt flufsaufwärts durch
den grofsen Engpafs von Wuschan nahm drei volle Tage in Anspruch und war
sehr beschwerlich. Der dann folgende Flufsstrich, der diese Enge mit der letzten
der vier Engen, dem Bellows-Engpafs, verbindet, der .3 Sm unterhalb der be-
rühmten Stadt Kweifa liegt, war verhältnifsmäfsig frei.
Unterhalb der unteren Einfahrt in den Bellows-Engpafs und gegenüber
von Hoangtsangpei befindet sich eine sehr merkwürdige Schlucht in den 900 m
hohen Bergen am rechten Ufer. Diese etwa !/2 Sm breite Schlucht führt bei
den Eingeborenen den Namen Tsokia Hsia oder Falscher Pafs, da der Sage nach
der Kaiser Yü, als er die Engpässe aus den Bergen aushauen liefs, die Setschuan
vom übrigen China trennen, diese Schlucht zuerst in Angriff nehmen ließ. Diese
Durchfahrt bildete jetzt einen reifsenden Strom, den Ausfluß des seeartigen
oberen Flusses. Bis hierher kamen nur kleinere Unfälle mehrmals vor, wie
Bruch der Schleppleinen, Ausscheeren in den Stromschnellen; hier jedoch wäre
lie Reise bald zu einem jähen Abschlufs gekommen. Bei starkem günstigen
Winde, der gegen Abend einsetzte, wollte der Lootse den 6 Sm langen Engpafs
zu durchsegeln versuchen. (Unter Segelpressen ging die Fahrt auch gegen den
Strom gut von statten; der jedoch schnell immer stärker schwellende Strom
hatte starke Stromwirbel gebildet, so dafs die gut gebaute Dschunke darin zum
Spielball wurde. Sie drehte sich im Kreise und überschlug sich beinahe. Zum
Glück hatten die Leute mit vieler Mühe das Segel noch niedergeholt und das
Boot ohne Schaden in den Schutz eines vorspringenden Felsens gebracht. Eine
andere Dschunke, die Archibald Littles Dschunke in der Einfahrt überholte,
wurde gegen das rechte felsige Ufer geschleudert und sank. Die Mannschaft
rettete sich. Das Deck der Dschunke war eben sichtbar, so dafs die Ladung
vielleicht bei fallendem Strome geborgen werden konnte. Diese Dschunke war
vom Vizekönig von Setschuan gechartert, um Munition von Schanghai nach
Tschengtu zu bringen, von wo aus Munition und Feuerwaffen während der beiden
letzten Jahre ständig nach dem Westen geschafft wurden. Eine andere Dschunke,
ein Leichter von 50 t, mit Baumwollgarn beladen, segelte den Engpafs] schlank
hinauf und verschwand in der Dämmerung. Der Lootse der Dschunke Archi-
bald Littles hatte diese für die Nacht festgemacht und erklärte auf die Frage,
warum er bei dem immer mehr zunehmenden Winde nicht durch die Enge segeln