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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

Wedemeyer, A.: Eine Stromfahrt flufsanfwärts auf dem oberen Yangtse. 13 
liche Schlagen von Pauken und Gongs, das theils als Signal, theils zum Ver- 
treiben der bösen Geister dienen soll, machen einen nie zu vergessenden Höllen- 
lärm.“ Im Sommer ist das Landschaftsbild ganz verändert. Die Klippen liegen 
unter Wasser, die im Winter darauf stehenden Hütten sind verschwunden, die 
Dschunkenleute treiben Ackerbau. Das Wasser des !/s Sm und mehr breiten 
Flusses ist schlicht, und nur selten wird eine Dschunke sichtbar. 
Die Dschunke, die nur geringen Tiefgang hatte, wurde ohne Schwierigkeit 
über den etwa 2! m hohen, steilen, kurzen, ruhigen Yehtan-Wasserfall hinweg- 
gezogen. Die Schleppleinen wurden um Poller gelegt, die in einem eigens dazu 
erbauten weiten, soliden Gebäude aus Stein gut oberhalb der Hochwassermarke 
befestigt waren. Die Arbeit nahm kaum zwei Tage in Anspruch. Bei dieser 
Gelegenheit möge erwähnt werden, dafs die Dschunke‘ ein grofses vierriemiges 
Kwatze, wie man die auf dem oberen Yangtse verkehrenden Boote nennt, von 
24 m Länge, 3,6 m Breite und 1,2 m Tiefgang war, Unbeladen ging sie 
etwa 0,6 m tief. Sie war leicht zu schleppen und segelte schnell. 47 Mann 
waren im Ganzen zur Bedienung nöthig, davon verblieben stets zehn Mann an 
Bord, 24 Mann wurden zum Treideln und S Mann im Beiboote beschäftigt, das 
diese Mannschaften von der Dschunke an Bord, von Ufer zu Ufer und über 
Seitenarme und sonst unpassirbare Stellen bringen mufste, schließlich noch fünf 
Mann im Rettungsboot, das der Dschunke für den Fall eines Unglücks folgte. 
Oberhalb des Yehtan-Wasserfalles ging die Fahrt langsam von statten, Der 
Flufs war schlecht zu passiren, die Stromwirbel waren zeitweise trügerisch, be- 
sonders die bei der Niuko- oder Ochsenkopf-Stromschnelle, wo:das englische 
Kriegsschiff „Woodlark“ gegen das felsige Ufer geworfen worden war und ihm der 
Boden des Vorderraumes ganz eingedrückt wurde. Dieses wurde sofort aus- 
gebessert, und gegen alle Erwartung konnte das Schiff die Reise nach Tschung- 
king fortsetzen. Der Felsen, auf dem in grofsen Buchstaben dieser Vorgang 
von der Manuschaft damals verzeichnet wurde, war ganz unter Wasser, als 
Archibald Little die Stelle passirte. Die 22 Sm lange Fahrt flufsaufwärts durch 
den grofsen Engpafs von Wuschan nahm drei volle Tage in Anspruch und war 
sehr beschwerlich. Der dann folgende Flufsstrich, der diese Enge mit der letzten 
der vier Engen, dem Bellows-Engpafs, verbindet, der .3 Sm unterhalb der be- 
rühmten Stadt Kweifa liegt, war verhältnifsmäfsig frei. 
Unterhalb der unteren Einfahrt in den Bellows-Engpafs und gegenüber 
von Hoangtsangpei befindet sich eine sehr merkwürdige Schlucht in den 900 m 
hohen Bergen am rechten Ufer. Diese etwa !/2 Sm breite Schlucht führt bei 
den Eingeborenen den Namen Tsokia Hsia oder Falscher Pafs, da der Sage nach 
der Kaiser Yü, als er die Engpässe aus den Bergen aushauen liefs, die Setschuan 
vom übrigen China trennen, diese Schlucht zuerst in Angriff nehmen ließ. Diese 
Durchfahrt bildete jetzt einen reifsenden Strom, den Ausfluß des seeartigen 
oberen Flusses. Bis hierher kamen nur kleinere Unfälle mehrmals vor, wie 
Bruch der Schleppleinen, Ausscheeren in den Stromschnellen; hier jedoch wäre 
lie Reise bald zu einem jähen Abschlufs gekommen. Bei starkem günstigen 
Winde, der gegen Abend einsetzte, wollte der Lootse den 6 Sm langen Engpafs 
zu durchsegeln versuchen. (Unter Segelpressen ging die Fahrt auch gegen den 
Strom gut von statten; der jedoch schnell immer stärker schwellende Strom 
hatte starke Stromwirbel gebildet, so dafs die gut gebaute Dschunke darin zum 
Spielball wurde. Sie drehte sich im Kreise und überschlug sich beinahe. Zum 
Glück hatten die Leute mit vieler Mühe das Segel noch niedergeholt und das 
Boot ohne Schaden in den Schutz eines vorspringenden Felsens gebracht. Eine 
andere Dschunke, die Archibald Littles Dschunke in der Einfahrt überholte, 
wurde gegen das rechte felsige Ufer geschleudert und sank. Die Mannschaft 
rettete sich. Das Deck der Dschunke war eben sichtbar, so dafs die Ladung 
vielleicht bei fallendem Strome geborgen werden konnte. Diese Dschunke war 
vom Vizekönig von Setschuan gechartert, um Munition von Schanghai nach 
Tschengtu zu bringen, von wo aus Munition und Feuerwaffen während der beiden 
letzten Jahre ständig nach dem Westen geschafft wurden. Eine andere Dschunke, 
ein Leichter von 50 t, mit Baumwollgarn beladen, segelte den Engpafs] schlank 
hinauf und verschwand in der Dämmerung. Der Lootse der Dschunke Archi- 
bald Littles hatte diese für die Nacht festgemacht und erklärte auf die Frage, 
warum er bei dem immer mehr zunehmenden Winde nicht durch die Enge segeln
	        
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