1
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1902.
„Um den oberen Yangtse bei hohem Wasserstande zu untersuchen, unter-
nahm Archibald Little eine Stromfahrt von Itschang nach Kweifu und weiter
nach Wan Hien auf einer Dschunke, wobei er die vier grofsen Engpässe und
die wichtigsten Stromschnellen passiren mufste, zu einer Zeit, wo nur Wenige
eine solche Fahrt ihrer Gefahren halber wagen. Der Flufsverkehr auf dem oberen
Flusse von Itschang nach Tschungking wird gewöhnlich Mitte Juni geschlossen
und nicht vor Mitte September oder noch später wieder aufgenommen, je nach
dem Wasserstande des Flusses und der Regenmenge im westlichen China. Der
Fluß bietet zur Winterszeit, wenn der Dschunkenverkehr am regsten ist, ein ganz
anderes Bild als im Sommer, wenn die zahlreichen kleinen Nebenflüsse infolge
des Regens geschwollen sind. Während er im Winter wie ein klarer Gebirgs-
strom dabinflielßst, dessen ruhige Flufsstrecken hier und da durch Wasserfälle
unterbrochen werden, so ist er im Sommer ein äufserst reifsender Strom, dessen
braune Wasser das allenthalben tiefe Bett ganz ausfüllen und über Klippen oder
zwischen steilen Felsabhängen dahinbrausen, Klippen, die dann über 10 m unter
Wasser liegen. Die unzähligen Stromschnellen des Winters sind entweder ganz
verschwunden oder zu reifsenden Strömen geworden. Nur selten sieht man eine
Dschunke in den Neerströmen aufsegeln oder langsam, durch doppelte Mann-
schaft getreidelt, eine Huk umsteuern. Meist liegt der Flufs jedoch todt da, das
rege Leben bei den Stromschnellen des Winters ist völlig verschwunden, auch
die zerstreut liegenden Dörfer und Städte erscheinen wie ausgestorben. Der
Verkehr im Sommer ruht weniger der Gefahren halber, die eine solche Fahrt
mit sich bringt — die Engpässe sind in der That äufserst gefährlich —- als der
erhöhten Unkosten halber, Mehr Mannschaft ist erforderlich und muß statt eines
zwei oder zeitweise drei Monate lang bezahlt und beköstigt werden; infolgedessen
steigen auch die Frachten, was wiederum den Frachtverkehr ungünstig beeinflufst.
Während von November bis April grofse Dschunken beim Nordostpassat die sonst
unpassirbaren Engpässe passiren können, müssen sie im Sommer oft tagelang
auf günstigen Wind warten. Kurz, wenn der obere Yangtse von Dampfern
passirt werden kann, ist er für Dschunken unbefahrbar, und umgekehrt. Der
Dampfer „Pioneer“ berücksichtigte diesen Umstand und hatte infolgedessen glück-
liche Fahrten im Sommer 1900, während wohl seine Aufserachtlassung dem
deutschen Dampfer „Suihsiang“ im Dezember desselben Jahres verhängnifsvoll wurde.
Die Fahrt mit der Dschunke flufsaufwärts durch die Stromschnellen begann
am 14. Juni 1901 und nahm etwa ebensoviel Tage in Anspruch als zur selben
Zeit des Vorjahres auf dem „Pioneer“ Stunden, So erreichte Archibald Little
die starke Stromschnelle Yehtan, etwa 60 Sm oberhalb Itschang, in sechs Tagen,
während die Fahrt des „Pioneer“ am 12, Juni 1900 nur acht Stunden dauerte. Am
dritten Tage nach der Abfahrt erreichte man die Tungling-Stromschnelle, 35 Sm
von Itschang, in der „Suihsiang“ am Morgen ihrer Abfahrt von Itschang verloren
ging. Diese Stromschnelle ist der Ausflußs des Grand Mitan-Engpasses, der bier
über zahlreiche Klippen hinwegfliefst, durch die der Strom im Winter in zahl-
veichen Windungen seine Bahn sucht. Im Juni sind diese Klippen tief unter
Wasser und nur an den durch den mit 7 Sm Geschwindigkeit darüber hinweg-
setzenden Strom erzeugten Stromkabbelungen kenntlich. Die beschwerliche Fahrt
in dem 15 Sm langen, gewundenen Yaotsaho-Striche, der die Itschang- und Mitan-
Stromengen verbindet, trug die Hauptschuld an der Länge der Reise. Das Flufs-
Ihal erweitert sich hier. Während der Strom sich in den Engen ein Bett durch
die 300 bis 600 m hohen Kalksteingebirge gegraben hat, mufs er sich in dem
zwischenliegenden Striche durch gigantische Granitfelsen seinen Weg suchen.
Der Yaotsaho-Strich ist infolgedessen eine ununterbrochene Stromschnelle, die
die Dschunken überwinden müssen, ohne recht von vorn getreidelt werden zu
können. Die chinesischen Treidler, die von Kindheit an daran gewöhnt sind, über-
klettern diese Felsmassen ohne Beschwerden. Gleich oberhalb des Mitan-Eng-
passes erweitert sich das Flufsthal wieder, obgleich es noch von steilen, 900 bis
1200 m hohen Bergen begrenzt wird. Auf dem Ufer zu beiden Seiten ist die
rege Stadt Hsintan erbaut, deren wohlhabende Farmer und Rheder von Dschunken
hier malerische Häuser angelegt haben. Frau Bishop, die Hsintan im Januar
besuchte, schreibt darüber: „Der Lärm AHsintans spottet aller Beschreibung.
Mein Gehör war noch tagelang davon erfüllt. Das Rauschen und Tosen des
Wasserfalls. die Rufe der die Dscehunken ziehenden Männer sowie das unaufhör-