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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

Schott, G.: Die Wärmevertheilung in dem Wasser der südpolaren Meere, 223 
auch im Wesen: entsprechende. vertikale Temperaturvertheilung wie am süd- 
olaren Eismeerrande beobachtet man in unserer Ostsee im Winter; obenauf 
ont das kalte, schwachsalzige Ostseewasser, das ungefähr in 50m Tiefe ein 
Minimum der Wärme besitzt, darunter folgt das vergleichsweise warme, aber 
salzreiche, in letzter Linie aus der Nordsee gekommene Wasser. . 
Dafs die Eisschmelze allein für die Temperaturen der oberen eiskalten 
Wasserschicht nicht ausschlaggebend sein kann, wird auch aus einem Vergleich 
der unteren Grenze des kalten Wassers an den verschiedenen Stationen ersicht- 
lich. Offenbar spielen .doch im Südlichen Eismeere die Eisberge eine vor- 
herrschende Rolle, der gegenüber das Meerwassereis zurücktritt, während in 
dem Nördlichen Eismeere das Packeis oder Meerwassereis überwiegt. Die Eis- 
riesen des Südpolarmeeres reichen wohl: bis 400, ja 500m Tiefe mit ihrem 
Fufße hinab, während das Packeis im Durchschnitt nur 7 bis 10 m Tiefe ge- 
winnen dürfte... Hiernach müfste man schließen, dafs, wenn das Eis allein 
mafsgebend wäre, in der Antarktis die unter 0° liegenden Wassertemperaturen 
beträchtlich tiefer hinab sich erstrecken als in der Arktis; in Wirklichkeit ist 
aber die Mächtigkeit des oberen kalten Wassera in beiden Meeren. ungefähr 
gleich, ‚sie beträgt nämlich 100 bis 150 m, wozu man unsere Reihen II, IM, V 
und die folgende Reibe aus dem Packeis führenden Ostgrönlandstrom unter 
rund 66° N-Br, 35° W-Lg (nach Hamberg) vergleiche: 
"Tiefe in m 
C. 
0m 
50m 
100 m 
150 m 
200 m 
— 15° 1 
— 0,7° 
7° | + 
| + 1,50 | + 83,1° 
Diese Tiefe von rund 150 m giebt ungefähr die Grenze an, bis zu welcher 
die eben geschilderten Konvektionsbewegungen hinabreichen. 
Ferner hat die „Valdivia“-Expedition bei der Bouvet-Insel nicht diejenige 
Menge und diejenige Gröfse der Eisberge beobachtet, die vor Enderby-Land 
reichlich 8 Breitengrade südlicher zur Beobachtung kamen: gleichwohl lag vor 
Enderby-Land die untere Grenze der Kaltwasserschicht schon in 100 m, bei der 
Bouvet-Insel erst in 150 m Tiefe. Man wird aus allen diesen Einzelheiten ent- 
nehmen müssen, dafs man nicht mit den kurzgefafsten Worten: „die Eisschmelze 
verursacht die katotherme Schichtung“ den ganzen Komplex der Erscheinungen 
nach Ursache und Wirkung fafst, dafs vielmehr auch im Eismeer, vom Eise 
abgesehen, die Wärmeleitung und damit zusammenhängende konvektive Be- 
wegungen bei der Ausgestaltung der Temperaturvertheilung in hervorragendem 
Mafse mitwirken. 
3. Der dritte und letzte Punkt, auf den hier hingewiesen sein möge, 
betrifft die Wirkung, welche das treibende Eis auf die Temperatur speziell der 
Meeresoberfläche ansübt; die Frage hängt so innig mit den im Vorstehenden 
erörterten Verhältnissen zusammen, dafs sie erst hier nachträglich einen 
Platz findet.) ‘ 
Die Wirkung wird je nach der Anfangstemperatur und dem Salzgehalte 
des Meerwassers sowie je nach der Natur des Eises — Meereis, Sülswassereis 
— verschieden sein müssen. Dafs da, wo das bei — 2,5° schmelzende Meer- 
wassereis, im Besonderen also das wirkliche Packeis beider polarer Zonen, in 
gewaltigen Feldern auftritt, die Wassertemperatur bis auf — 1° und darunter 
herabgedrückt werden kann, ist nur natürlich. 
Dafs aber auch durch Sülswassereis, also durch Gletscherreste oder Kis- 
berge, . die Temperatur von Seewasser auf Grade unter Null, den sonstigen 
Schmelzpunkt des Süflswassereises, abgekühlt werden kann, wäre nicht anzu- 
nehmen, wenn es nicht durch experimentelle Beobachtungen über allem Zweifel 
sicher wäre, und zwar ist die Temperatur, welche bei dem Schmelzen von Süfs- 
wassereis in Seewasser entsteht, für .ozeanischen Salzgehalt nahezu konstant 
—.1,8°.?) Natürlich gilt dies nur für Meeresgegenden, denen der Charakter 
eines wirklichen Eismeeres zukommt. Aber auch da wolle man sich das thermische 
1) Im Uebrigen vergl. oben S. 216. 
3) Die Litteratur hierüber siehe oben S. 216. Fulsnoten.
	        
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