220 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1902
minimum mit —1,4° sich fand und erst in 300 Faden Tiefe wieder eine
Temperatur von 0,0 erreicht wurde.
Um einen Vergleich mit nordpolaren Tiefseetemperaturen zu ermöglichen,
ist der Tabelle Reihe VI eingefügt, welche Messungen Nansens auf der „Fram“
enthält; dem Entgegenkommen Nansens verdanke ich die Mittheilung der
NEE Temperaturen und besonders auch der Salzgehalte. Tabelle siehe
S. 218/219.
Läfßlst man vorläufig die Wärmeverhältnisse in der Nähe des Meeres-
grundes aufser Acht, so erkennt man, dafs die vertikale Temperaturvertheilung
in den Reihen I und IV einander ähnlich ist, sie ist dichothermen Charakters,
indem oben relativ warmes Wasser sich befindet, dann eine kalte Schicht folgt,
welche wieder von wärmerem Wasser unterlagert wird; andererseits sind die
Reihen II, III, V und VI untereinander vergleichbar, sie zeigen eine katotherme
Schichtung, da die obersten Wassermassen vergleichsweise kalt, die darunter
befindlichen warm sind.!') Die Reihen I bis IV sind sämmtlich in der Nähe
jes 60. südlichen Breitengrades gewonnen, sie sind in der Aufeinanderfolge von
Westen nach Osten angeordnet und geben unmittelbar die geographischen Ver-
schiedenheiten dieses Meeresstriches unter den verschiedenen Längen an;
Reihe V mit rund 70° S-Br und VI mit über 80° N-Br liegen wesentlich weiter
polwärts.
Unter diesen Umständen wird die vergleichsweise aufserordentliche Kälte
der gesammten Wassermassen in der Bouvet-Region deutlich. Die grofse
negative Temperaturanomalie der Oberfläche wurde bereits oben (Seite 217)
nachdrücklich hervorgehoben. Aus der „Valdivia“-Reihe (No. II) lernen wir
nun, dafs die abnorm niedrigen Wassertemperaturen der Bouvet-Gegend bis zum
Meeresgrund in ihren Wirkungen verfolgbar bleiben; unter den vier Temperatur-
serien auf rund 60° S-Br ist innerhalb der Reihe II in fast jedem Niveau das
Wasser am kältesten, dies gilt sowohl von dem Wasser über 0°, wie von dem-
jenigen unter 0°.
Südlich vom Kap Horn ist warmes Wasser bis 50 m Tiefe vorhanden,
und die kalte Zwischenschicht ist nur rund 75 m mächtig, bei Termination-Land
ist die oberste warme Schicht 25 m mächtig, die kalte gar nur 50m; in der
Nähe der Bouvet-Insel aber bis nach Enderby-Land fehlt die oberste warme
Schicht gänzlich, und das kalte Oberwasser erreicht eine Mächtigkeit von 150
bezw. 100 m; endlich steigt in dem warmen Unterstrom die Wasserwärme in
den Reihen I, III und IV mindestens bis auf +1,7°, nur in dem Profil der
Bouvet-Gegend ist ++ 0,8° das Maximum innerhalb dieser warmen Unterströmung.
Dazu mufs noch bedacht werden, dafs gerade die Bouvet-Station unter den vier
ersten Stationen die am weitesten zum Aequator vorgeschobene ist, wodurch
die augenfälligen Gegensätze noch weiter verschärft werden.
So kommt es, dafs die Temperaturreihe der Bouvet-Gegend auf 56° S-Br
ähnlich ist der Reihe V auf 70° S-Br im Stillen Ozean, ja sogar der Nansenschen
Reihe von 82° N-Br vergleichbar bleibt! Diese Angaben lassen einen unge-
fähren Rückschlufs auf die Größe und die Ausdehnung der enorm mächtigen,
abkühlenden Einflüsse zu, die in der Bouvet-Gegend und polwärts davon eine
Rolle spielen müssen.
Die Station der „Valdivia“ vor Enderby-Land nimmt eine vermittelnde
Stellung zwischen der Bouvet-Station und der Termination-Station ein; Reihe I1I
ermangelt zwar noch der warmen Oberschicht, aber die untere Grenze des
kalten Oberwassers ist etwa 50m der Oberfläche näher als bei der Bouvet-
Gegend, auch zeigt hier der warme Unterstrom höhere Temperaturen als der-
jenige der Bouvet-Gegend.
Betrachtet man dagegen Reihe I und IV, so stellt die hier auftretende
oberste, 25 bis 50 m mächtige Schicht mit Wärmegraden über 0° ganz zweifellos
i) Als Grenzwerth wird dabei 0° zunächst angenommen, was natürlich nur eine vorläufige
Geltung haben kann; zur wirklichen Trennung der einzelnen Wasserarten ist auch die Beachtung
der. Salzgehaltsunterschiede nothwendig. Aufserdem.sehen wir bei der Reihe VI (aus dem Nörd-
jichen Eismeer) von der ganz oberflächlichen, offenbar durch Insolation verursachten Erwärmung
der Oberfläche bis auf +0,4° ab; da in 5 m Tiefe bereits — 1,6° gemessen wurde, ist ersichtlich,
dafs die Wärmeschichtung in Wirklichkeit eine katotherme war; anders liegt die Sache bei den 50,
bezw. 25 m mächtigen warmen Schichten der Reihen I und IV,