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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1902.
Unter 53° S-Br war in der Bouvet-Gegend die Temperatur bereits auf
0° herabgegangen, eine Temperatur, die im Osten auf der Kerguelen-Seite erst
unter 60° S-Br herrschte, so dafs schon hierdurch auf die noch mehrfach zu
erwähnende thermische Begünstigung des letztgenannten Eismeergebietes und
die Benachtheiligung des erstgenannten ein Licht fällt. Als die „Valdivia“
in der Nähe der Bouvet-Insel dem ersten Eis begegnete, mafsen wir zeitweise
nur noch — 1°. Das am 1., 2., 3. und 16. Dezember erreichte Minimum unserer
Beobachtungen ist — 1,8°, ein Temperaturwerth, der sowohl kurz nach dem
Verlassen der Bouvet-Gegend unter 56° S-Br als auch acht Breitengrade süd-
licher, in 64° S-Br vor Enderby-Land, gemessen wurde; es fiel ungefähr mit
dem jeweiligen, besonders starken Auftreten von Treibeis und KEisbergen
zusammen, was nach den grundlegenden Untersuchungen und Beobachtungen
von Pettersson!) und Buchanan?) über die bei dem Schmelzen von Eis in
Seewasser auftretenden Temperaturen und Salzlösungen durchaus erklärlich ist.
Dieser Einflufs des Auftretens von Eis irgend welcher Art auf die Temperatur
des Ozeans wird besser nachher bei den antarktischen Tiefseetemperaturen noch
zur Sprache kommen; hier genügt es, zu sagen, dafs während der Zeit, in
welcher die „Valdivia“ im Eismeer fuhr, die Oberfläche des Meeres im grofsen
Durchschnitt —1,0° Wasserwärme zeigte, und dals die Temperatur deutlich
zunahm bis auf —0,5°, ja 0,0°, wenn wir, wie z. B. zwischen 25° und 40° O-Lg,
aus dem Eis ganz oder fast ganz heraus waren.
Unter diesen Umständen erscheint es als selbstverständlich, dafs auch
bei genauer Durchmusterung der Kurve der Oberflächentemperaturen irgend
eine regelmäfsige tägliche Periode derselben im Eismeer nicht bemerkbar ist;
bei dem ewig bedeckten, mit schweren Schneewolken erfüllten Himmel ist eine
solche auch um so weniger zu erwarten, als die Sonne tief steht und die Nacht
kurz ist.
Wenn man die von der „Valdivia“ gemessenen Temperaturen des
antarktischen Oberflächenwassers überblickt, so mufs mit Rücksicht auf die in
Frage kommenden geographischen Breiten das Wasser der gesammten Bouvet-
Region abnorm kalt erscheinen: man denke, Temperaturen von 0° und be-
trächtlich darunter auf einer der geographischen Lage von Hamburg entsprechenden
Breite im südlichen Frühling oder Sommer! Gewifs findet man zur Zeit des
nördlichen Frühlings an der Küste von Neufundland unter gleicher Breite auch
Wassertemperaturen von 0°, aber doch nur in ganz schmaler Zone von etwa
100 bis 150 km Breite, und im Sommer herrschen daselbst Wärmegrade von
über 5°. In der Bouvet-Gegend handelt es sich aber nicht um eine lokale,
durch einen kalten Triftstrom oder Eisstrom genügend erklärbare Erscheinung,
sondern um den klimatischen Charakterzug einer über Tausende von Kilometern
sich erstreckenden Meeresgegend, und es kann kaum ein Zweifel bestehen, dafs
man zur Erklärung dieses Verhältnisses die Erforschung der noch unbekannten
Vertheilung des Festlandes und Meeres, sowie der Wind- und Wasserbewegungen
abwarten muls. 7
Gerade bei der Bouvet-Insel ist die negative Anomalie der Temperatur
sehr grofs. Denn östlich von der Bouvet-Region kann bereits für die Längen
von Kerguelen nach unseren Beobachtungen, welche daselbst allerdings in den
Dezember fielen, eine Wassertemperatur von 2° für die Bouvet-Breite angesetzt
werden, und südlich von Australien fehlen zwar direkte Schiffsbeobachtungen
von dieser Breite, doch darf aus den Isothermen des fünfzigsten Parallelkreises
mit grofser Wahrscheinlichkeit auf 4° Wasserwärme geschlossen werden.
Westlich von der Bouvet-Region ist die Zunahme der Wasserwärme im Vergleich
zur Bouvet-Insel noch beträchtlicher. Das November-Mittel der Wassertemperatur
an der Küste von Süd-Georgien beträgt, wie wir durch die sorgfälıigen
Messungen der deutschen Expedition im internationalen Polarjahr 1882/83
wissen, 2,2° und von der Gegend des Kap Horn stehen uns zahlreiche Schifls-
beobachtungen zur Verfügung, welche für November, den Monat der „Valdivia“-
2 On the properties of water and ice. Stockholm 1883 („Vega“-Expedition); vgl. auch
Peterm. Mittheil. 1900, S. 83. .
2) On the distribution of temperature in the Antarctic ocean: Nature, Vol. 35, S. 516. On
ice and brines: Nature. Vol. 35. S. 608. Vol. 36, S. 90. London 1887.