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Jahresbericht der Deutschen Seewarte für 1900.
nicht unter 15° herabgegangen, da bei weiterem Ablassen die Arbeit, die ja hier
durch Menschenkraft geschieht, nicht lohnend ist, weil der Drache wenig mehr
steigt. In den Aufstiegen No. 4, 5, 8 und 15 wurde der Winkel durch An-
fügen eines zweiten Drachens (H. 3 oder H. 4) nach Ablassen der ersten ca. 2000 m
Draht verbessert, um den Aufstieg fortzusetzen. Die Malaydrachen (M. in Kol. 3)
wurden dagegen stets in der Weise verwendet, dafs sie mit etwa 100 m langer
Schnur an den Rücken des Hargrave-Drachens gebunden wurden, der das In-
strument enthielt; dieses System hat sich namentlich zum Anheben des gröfßseren
Drachens vom Boden bei schwachem Wind und zum sicheren Landen desselben,
so vortheilhaft erwiesen, dals es von Prof. Köppen in neuerer Zeit stets an-
gewandt wurde.
Wenn auch das Einholen der Drachen ohne Motor bei Hochaufstiegen ein
ziemlich mühsames Geschäft ist, so wäre es doch unzweifelhaft möglich gewesen,
in vielen Fällen weit höher zu gehen und auch eine weit gröfßfsere Zahl von Auf-
stiegen zu machen. Allein die Umstände legten diesem natürlichen Wunsche
gegenüber vorsichtige Beschränkung auf. Der im vorigen Jahresbericht erwähnte
Vorfall vom 5. Dezember 1899, sowie ein solcher am Berliner A&ronautischen
Observatorium am 26. Juli 1900, hatten gezeigt, welche bedeutende Verantwortung
man beim Auflassen der Drachen an Stahldraht an der Luvseite einer grofsen
Stadt und umringt von elektrischen Bahnen auf sich nimmt. Dafs bei den beiden
Aufstiegen am 1. September und 8. November hier keine Unfälle vorgekommen
sind durch den Draht, mufs als glücklicher Zufall betrachtet werden. Die Ge-
fahren wachsen aber natürlich mit der Zahl und Dauer der Aufstiege nicht nur
diesen proportional, sondern sie sind bei starkem Winde und bei hohen Aufstiegen
unverhältnifsmälsig gröfser, als bei schwachem Winde und geringen Höhen. Da
ferner Prof. Köppens Mitwirkung bei andern Arbeiten der Seewarte nicht ent-
behrt werden kann und kein anderer Beamter für die Drachensache ihm zur Hülfe
gegeben werden konnte, so mufste von der Ausnutzung jeder günstigen Gelegen-
heit für Aufstiege abgesehen werden. Die Aufgabe des gegenwärtigen Provisoriums
konnte aus diesen Gründen nicht in der Veranstaltung einer möglichst grofsen
Zahl möglichst hoher Aufstiege, sondern nur in der Sammlung von Erfahrungen
und in der gründlichen Vorbereitung einer definitiven, ausreichenden Einrichtung
zur Gewinnung von Beobachtungen aus der freien Atmosphäre im Rahmen der
Seewarte liegen. Diese Aufgabe kann in der Hauptsache als gelöst betrachtet
werden, da ein wohlerprobtes Schema der Drachenaufstiege für einen Betrieb
mittlerer Gröfse, nach Ueberwindung der zahlreichen technischen Schwierigkeiten,
ausgearbeitet ist, das zunächst auf der deutschen Südpolarexpedition Durchführung
finden wird, deren metecorologische Drachen-Einrichtung auf der Secwarte vorbereitet
worden ist. Die Durchführung desselben Schemas an der Seewarte selbst, und
zwar in thunlichst ständiger Verfolgung der Witterungs-Aenderungen, bedingt die
Verlegung des Drachenplatzes an die Ostseite von Hamburg und aufserhalb des
Netzes der elektrischen Strafsenbahnen, sowie dessen bessere Ausstattung, und
ferner die Anstellung eines jüngeren Beamten, der sich diesem Gegenstande unter
Leitung des Abtheilungs-Vorstehers Prof. Köppen ganz widmen könnte. Die
Direktion hofft, dafs diese wünschenswerthe Gestaltung der Angelegenheit nicht
mehr lange auf sich warten lassen wird.
Eine andere ständige Aufgabe von Prof. Dr. Köppen war die Einrichtung
und Redaktion der neuen Publikation, die unter dem Titel „Internationaler
Dekadenbhericht“ am 1., 11. und 21. jedes Monats dem täglichen autographirten