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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1901
[. T. V. im täglichen Gange hervorzurufen vermag, sondern nur den Effekt der
nächtlichen Ausstrahlung auszugleichen strebt. Die Insolationsschwankung der
I. T, V. fehlt in Barnaul von November bis März, in Bremen von November bis
Januar; für diese Monate mufs daher die I. T. V. auch am Tage unter dem Ein-
Aufs des jährlichen Ganges des Ausstrahlungseffekts stehen. Wir finden dieses
Ueberwiegen der nächtlichen Ausstrahlungswirkung an den Stunden des Tages
aber noch weiter ausgedehnt, und zwar in Barnaul von September bis April,
in Bremen von Oktober bis Februar reichend; ein solches Hervortreten der Aus-
strahlungswirkung in Monaten, in denen die Insolation bereits eine kleine Zu-
nahme der I. 'T. V. am Tage hervorzurufen vermag, kommt dadurch zu Stande,
dafs die durch die Ausstrahlung nachts hervorgerufenen Unterschiede in solchen
Monaten nicht durchweg am Tage ausgeglichen werden und daher die Mittel der
I. T. A. für die Tagesstunden noch beeinflussen. In den übrigen Monaten Mai bis
August in Barnaul und März bis September in Bremen, erfolgt der jährliche
Gang der I. T. V. für die Mittagsstunden ganz entsprechend dem jährlichen Gange
des Insolationseffekts, zeigt also eine Zunahme bis Juni und dann eine Abnahme,
mit der alleinigen Abweichung, dafs in Barnaul die I. T. V. im Juni kleiner als
im Mai ist, was sich wie oben aus dem gröfßseren Dampfgehalt der Luft im Juni
erklärt, der die Wirkung der Sonnenstrahlung vermindert,
Der jährliche Gang der IT. V. zeigt mit deren täglichem Gang eine
große Aehnlichkeit. Für die Nachstunden von 9*p bis 5" a besitzt er, analog
dem täglichen Gang im Winter, nur eine einfache Schwankung, abgesehen von
der kleinen Unregelmäfsigkeit beim Uebergang vom Mai zum Juni, deren Ursache
wir kennen lernten. Bis auf diese Störung des Verlaufes weist der jährliche
Gang der I. T. V. für die Mittagsstunden in Barnaul ebenfalls nur eine einfache
Schwankung auf; anders in Bremen, wo die nächtliche Ausstrahlung ihren Kin-
Auß auf die I. T. V. am Tage über einen geringeren Theil des Jahres erstreckt
und wir demgemäfs für die Mittagsstunden eine ausgeprägt doppelte jährliche
Schwankung finden, analog der doppelten täglichen Schwankung der I. T. V. in
den Sommermonaten.
Für die Beurtheilung des jährlichen Ganges der I. T. V. an der deutschen
Küste standen aufser Bremen noch zehnjährige Monatsmittel der Normal-
beobachtungsstationen der Seewarte für 8% a, 2" p und 8 p Ortszeit zur Ver-
fügung. Für 2* p zeigen Wilhelmshaven, Hamburg und Kiel genau die gleiche
Lage der Extreme wie Bremen, also Maxima im Januar und Juni, Minima im
Februar und September; an der Ostsee von Wustrow bis Neufahrwasser finden
wir aber wie in Barnau! das II Maximum im Mai statt im Juni, und ganz ab-
weichend von Bremen wie von Barnaul das II Minimum von September bis
Oktober oder November verspätet. Diese Stationen der Ostsee schliefsen sich
für 8: a und 8" p den Verhältnissen von Barnaul fast durchweg an und stehen
daher auch zu diesen Terminen in einem Gegensatz zu jenen Nordseestationen. Jene
Verspätung des II Minimums im jährlichen Gang für die Nachmittagsstunden an
der Ostsee bedarf noch besonderer Untersuchung.
Den regelmäfsigsten Gang zeigt die I. T. V. in Keitum um 2* p und &* p,
Maxima im Dezember und Juni, Minima im März und September, also Ueberein-
stimmung dieses Ganges während 6 Monate mit dem Gang des Effekts der
nächtlichen Ausstrahlung und während 6 Monate mit dem der Insolation. Es
scheint dieser Gang als der wohl zu allen Stunden im rein maritimen Klima
unserer Breiten bestehende anzusehen zu sein.
Wenn schon der tägliche Gang der I. T. V. in seiner vollständigen An-
lehnung an den durch die interdiurne Veränderlichkeit der Bewölkung ver-
mittelten Effekt der Erkaltung durch Ausstrahlung und der Erwärmung durch
die Sonnenstrahlung den Kinflufs der Veränderlichkeit der Wetterlage wenig
grofs erscheinen liefs, so mufs dies in noch viel höherem Grade aus dem Charakter
des jährlichen Ganges hervorgehen, da sich dieser in seinem Wesen ebenso voll-
ständig auf die Wirkung der Ein- und Ausstrahlung zurückführen liels. Wenn
die I. T. V. für die Stunden der Nacht in ihrem jährlichen Gange von der Nord-
zeeküste bis nach dem Innern Russlands so gleichmäßig verläuft, so darf man
schließen, dafs der Einflufs der Lage der Orte gegen die Zugstrafsen der Minima
im Allgemeinen nur wenig ins Gewicht fallen und dem Effekt des Lufttransports
nur ein geringer Einflufs auf die Gröfse der I. 'T. V. zukommen kann.