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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

Grossmann: Die Aenderung der Temperatur an der deutschen Küste. 575 
Minimum am Nachmittag. Die Erklärung bietet keine Schwierigkeit. In dieser 
Jahreszeit ruft die während der langen Nacht thätige Ausstrahlung so starke 
Temperaturunterschiede zwischen klaren und trüben Nächten hervor, dafs die zu 
dieser Jahreszeit verhältnifsmäfsig geringe Kraft der Insolation diese Unter- 
schiede nicht auszugleichen und ihrerseits daher auch keinen neuen interdiurnen 
Temperaturunterschied hervorzurufen vermag; es muls daher die vormittägliche 
Schwankung, die im Sommer auf das Maximum gegen Sonnenaufgang folgt, im 
Winter fortfallen, und die I. T. V. erfährt unter dem Einflusse der Insolation nur 
eine Abnahme von Sonnenaufgang bis zum Nachmittag, worauf der Einflufs der 
Ausstrahlung durch Vermittelung der interdiurnen Bewölkungsänderungen wieder 
ein Steigen der I, T. V. bis zum folgenden Sonnenaufgang zur Folge hat. 
Wenn schon das Anwachsen des Einflusses der Ausstrahlung und die Ab- 
nahme der Insolation mit dem Sinken des Sonnenstandes nach dem Winter hin 
ausreichen dürften, um die‘ im täglichen Gang der I. T. V. zur Sommers- und 
Winterszeit beobachteten Gegensätze zu erklären, so tritt in dem gleichen Sinne 
wirkend noch der Einflufs der Schneedecke im Winter hinzu, indem die Schnee- 
decke in hohem Grade in der Nacht die Erkaltung der Luft durch die Aus- 
strahlung‘ begünstigt und der Erwärmung durch Insolation am Tage entgegen- 
wirkt. Diesem Kinflufs der Schneedecke ist es auch zuzuschreiben, dafs in 
Barnaul im Vergleich mit Bremen in der kalten Jahreszeit so aufserordentlich 
grofse Werthe der I, T. V. erreicht werden, die die dort am Tage auftretenden 
Werthe im Mittel fast um 3° übersteigen, während sich die Unterschiede zwischen 
beiden Orten in der warmen Jahreszeit in verhältnifsmäfsig engen Grenzen 
halten — größte Stundenwerthe im Winter und Sommer in Barnaul 7,3 und 
3,6 gegen 3,1 und 3,2 in Bremen. 
Der diesem streng winterlichen täglichen Verlaufe der I. T. V. entgegen- 
gesetzte mit nur einem Minimum in einer Nachtstunde und einem Maximum am 
Nachmittag wird in der Natur auch zu erwarten sein und dann eintreten müssen, 
wenn die Kraft der Insolation gegen die der Ausstrahlung so stark ist, dafs 
diese die durch die Insolation hervorgerufenen interdiurnen Temperaturunter- 
schiede nicht ganz zu überwinden und somit selbständig keine neuen Gegensätze 
zu schaffen vermag. Nahezu zeigt der tägliche Verlauf der I. 'T. V. für Bremen 
im Juni bereits diesen Charakter, da die Ausstrahlung die I. T. V. nach dem um 
Mitternacht eintretenden Minimum bis 4* a nur um den Betrag von 0,09° zu heben 
vermag, so dafs die nächtliche Abnahme der I. T. V. in den Stunden vor Sonnen- 
aufgang eine nur unbedeutende Unterbrechung aufweist. 
Unserer Erklärung entsprechend finden wir im Sommer das Hauptmaximum 
am Nachmittag und in den Wintermonaten, soweit noch eine doppelte tägliche 
Schwankung auftritt, gegen Sonnenaufgang; ebenso verständlich ist es, dafs von 
den zwei an Sommertagen auftretenden Minima das am Morgen auftretende den 
kleineren Werth darstellen mufs. _ 
Hiernach sind die Erscheinungen des täglichen Ganges der I. T.V. in 
einheitlicher Weise auf die durch die interdiurne Veränderlichkeit der Bewölkung 
hervorgerufenen Unterschiede der Einwirkung der Ausstrahlung und der Inso- 
lation auf die Temperatur als Ursache zurückgeführt. Unter diesem Gesichts- 
punkt muß die I. T. V. von Ort zu Ort bei gleicher Größe der interdiurnen 
Veränderlichkeit der Bewölkung mit Zunahme der Insolation und Ausstrahlung, 
besonders auch im Falle des Hinzutretens von Bedingungen, die diese in ihrer 
thermischen Wirkung verstärken, anwachsen und in gleicher Weise größere Be- 
träge annehmen, wenn unter den gleichen Bedingungen der Insolation und Aus- 
strablung die interdiurne Veränderlichkeit der Bewölkung eine gröfßsere wird. 
Wo sich an einer Küste Seewinde entwickeln, die besonders kräftig an 
heiteren Tagen auftreten und der Entwickelung hoher Temperaturen entgegen- 
wirken, muls das der Insolationsschwankung zukommende Maximum der I. T. V. 
am Tage abnehmen und sich in der Zeit verschieben, wie sich auch für die 
deutsche Ostseeküste solche Einwirkungen bemerkbar machten. Auch der KEin- 
flufs der interdiurnen Aenderung der Sonnenhöhe im jährlichen Gange tritt bei 
der Bearbeitung der interdiurnen Temperaturänderungen eines längeren Zeit- 
raumes hervor, ist aber naturgemäfs wenig bedeutend. 
Da der tägliche Gang der I. T. V. wesentlich durch die interdiurne Ver- 
änderlichkeit der Bewölkung hervorgerufen wird, so ist es verständlich, dafs der
	        
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