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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1901. 
Um das Zustandekommen dieses täglichen Ganges zu verstehen, betrachten 
wir die Temperaturen eines Ortes in zwei aufeinanderfolgenden Nächten, von 
denen die vorangehende trübe, die nachfolgende aber klar gewesen sein möge, und 
nehmen der Einfachheit halber an, dafs zu derjenigen Abendstunde, von der wir 
ausgehen, in beiden Nächten die gleiche Temperatur bestanden habe. Wegen 
der bei klarem Himmel in weit stärkerem Grade als bei trübem Himmel statt- 
findenden Ausstrahlung sinkt die Temperatur der Luft in der klaren Nacht ent- 
sprechend stärker, und der Unterschied der zu denselben Zeiten in beiden Nächten 
stattfindenden Temperaturen, die interdiurne Temperaturänderung, I. T. A., wird 
so lange zunehmen, bis der Wärmeverlust durch Ausstrahlung in der klaren 
Nacht eine Abnahme erfährt und gleich dem in der trüben Nacht zu der gleichen 
Zeit stattfindenden wird. Falls keine Nebelbildung erfolzt, die die Ausstrahlung 
allgemein vermindert und aufserdem durch Freiwerden latenter Wärme bei der 
Kondensation der Wasserdämpfe der Luft dieser Wärme zuführt, wird jener Zeit- 
punkt gegen Sonnenaufgang eintreten, wenn die Sonnenstrahlung einsetzt, deren 
Einfluß auf die Temperatur sich schon zur Zeit der Durchstrahlung der oberen 
Schichten der Atmosphäre bemerkbar macht, aber erst gröfsere Werthe erreicht 
und rasch erstarkt, sobald die Strahlen die Erdoberfläche erreichen. Lassen 
wir den angenommenen Unterschied der Bewölkung dann noch fortbestehen, so 
wird an dem zweiten Morgen die erwärmende Wirkung der Sonnenstrahlung, 
der Effekt der Insolation, ebenfalls kräftiger als am vorhergehenden sein; es 
wird daher die I. T. A., nachdem sie bis gegen Sonnenaufgang gestiegen War, 
um diese Zeit ihren höchsten Werth erreicht haben und dann abnehmen. Der 
in den Nächten durch Ungleichheiten der Ausstrahlung erzeugte interdiurne 
Temperaturunterschied nimmt aber im Sommer, bedingt durch das rasche Steigen 
der Sonne und die im Vergleich zur Ausstrahlung um diese Jahreszeit weit 
kräftigere Wirkung der Insolation, schnell ab. Es wird daher bald der Zeit- 
punkt eintreten müssen, wo die am klaren Morgen rascher als am trüben Morgen 
steigende Temperatur die Temperatur des vorangehenden trüben Morgens ein- 
geholt haben wird und dieser daun vorauszueilen beginnt; auf das Maximum 
gegen Sonnenaufgang muls daher verhältnifsmäfsig bald ein Minimum folgen, 
worauf die am heiteren Tage stärkere Insolation wieder Zunahme der I. T. A. 
hervorruft. Am klaren Tage tritt die höchste Temperatur am Nachmittag zeitiger 
als am trüben ein und es wird daher die I. T. A. zur Zeit des Maximums der 
Temperatur am heiteren Tage wieder ein Maximum erreichen, und nachfolgend 
abnehmen. Diese Abnahme erfolgt zunächst langsam, und dann schneller unter 
dem Einfluß der an klaren Abenden stärkeren Erkaltung durch Ausstrahlung, 
doch wird der Ausgleich der durch die Insolation hervorgerufenen Temperatur- 
unterschiede weit langsamer als der durch die nächtliche Ausstrahlung geschaffenen 
Unterschiede verlaufen müssen, da die Kraft der Ausstrahlung gegen die der 
Insolation in unserem Sommer erheblich zurücksteht. Es sinkt daher die I. T. A. 
in dem betrachteten Falle vom Nachmittag bis zu einem Minimum zu einer 
späten Abeudstunde, worauf nach Ausgleichung der durch die Insolation ge- 
schaflenen interdiurnen Gegensätze die Ausstrahlung ihrerseits wieder neue her- 
vorruft. 
Wenn nun auch keineswegs stets klare und trübe Tage in der hier an- 
genommenen Weise miteinander abwechseln, so genügt doch schon der Wechsel der 
Bewölkung von Tag zu Tag, der im Durchschnitt längerer Zeiträume alle Tages- 
zeiten nahezu gleichmäßig treffen wird, um die vorstehend skizzirte Wirkung 
im Mittel hervorzurufen. Dieses Erklärungsprincip macht es weiter auch ver- 
ständlich, dafs sich beim Fortschreiten von Juni/Juli nach dem Frühjahr wie 
nach dem Herbst hin das Minimum am Morgen in seinem Kintritt verspätet 
und das Minimum am Abend verfrüht; infolge der Verspätung des Sonuen- 
aufganges und der Abnahme der Kraft der Insolation bei gleichzeitigem relativen 
Anwachsen des Einflusses der Ausstrablung auf die Temperatur müssen sich die 
Minima einander nähern, wenn man von der Zeit des höchsten Sonnenstandes 
im Jahre nach der kalten Jahreszeit in der einen oder anderen Richtung fort- 
schreitet. 
Für die strengsten Wintermonate zeigt die I. T. V. in ihrem täglichen 
Gang aber ein vom Sommer ganz abweichendes Verhalten, eine einfache tägliche 
Schwankung, hervorgerufen durch ein Maximum gegen Sonnenaufgang und ein
	        
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