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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Nezember 1901.
Als „München“ festgekommen war, lothete man am Vorsteven 10 Fuß, am
Ende der Back 18 Fuls; von da an war das Schiff frei: es:wurden mitischiffs
25 Fußs und beim Heck 8 Faden gelothet.
„München“ war bei Niedrigwasser aufgelaufen und daher wurde ein Ab-
bringungsversuch bis zum Nachmittags-Hochwasser verschoben,
Unterdessen kam S. M. S. „Secadler“ in Sicht, Dem Kommandanten
wurde mitgetheilt, dafs er nicht einlaufen könnte, weil die Kinfahrt durch
„München“ und durch ausgelegte Stahltrossen gesperrt sei; ferner, dafs die
„München“ von der Strandungsstelle freigekommen wäre und mit Hochwasser
einwarpen würde, Zugleich wurde S, M. S. „Seeadler“ gebeten, einige Boote
aufzusuchen und sie sammt den darin befindlichen Menschen zu bergen. Diese
Boote waren beim Loskommen der „München“ weggetrieben und waren nicht im
Stande, gegen Wind und Strom nach Yap aufzukreuzen. Der „Seeadler“ ent-
sprach der Bitte, suchte die weggetriebenen Boote auf und brachte sie vor die
Hafeneinfahrt,
Nachmittags brachte man von der Back aus ein Stahltau nach dem auf
dem Ostriff quer ab vom St-B.-Bug der „München“ liegenden Warpanker. Dieser
Anker war schon früher ausgelegt worden, da man immer mit der Möglichkeit
des Festkommens in dieser engen Durchfahrt rechnen mufste. Nachdem „Natuna“
seewärts passirt war, wurde das Stahltau steif gehievt.
„München“ hatte achtoraus gegen 20 Faden Wasser, und die Aussicht, hier
etwas auszubringen oder zweckentsprechend festzumachen, um damit abhieven zu
können, war eine ziemlich geringe. Daher nahm „Natuna“ um 4* nachmittags
eine vom Heck der „München“ ausgesteckte Schlepptrosse an Bord. Mit dieser
Hecktrosse wurde „München“ während des Hochwassers mit äufserster Kraft
achteraus geschleppt (Tafel 40, Fig. II, D,8). Nach einstündigem Arbeiten kam
um etwa 5!/4® der Dampfer frei vom Riff.
Nun hievte sich die „München“ mittelst des Warpanker-Stahltaues dicht
an das Ostriff heran, während „Natuna“ gleichzeitig nach B-B. ausscheerte,
um das Heck des Dampfers so weit als möglich nach der Luvseite hinauf zu
schleppen (E, 9).
Nachdem die „München“ schlags lag, mufste „Natuna“ schleunigst los-
werfen, draufsen herumdrehen und versuchen so schnell wie möglich in dem durch
„München“ bis auf 90 m verengten Fahrwasser anfzusteuern und den B-B.-Bug
des Dampfers zu passiren, um von hier eine Schlepptrosse überzunehmen und
zu befestigen.
Diese Manöver in der engen Einfahrt wurden von Kapt. Bartling sehr
geschickt ausgeführt. Wären diese Manöver nicht in der kürzesten Zeit gelungen,
so wäre „München“, die nach dem Freikommen etwa NWzN anlag, durch den
nahezu quer von St-B. einkommenden NO-Wind zum Herumschwaien gebracht
worden. Da die Einfahrt an dieser Stelle höchstens 150 m breit ist, so hätte
der Dampfer, sobald er mit dem Kopfe auf den Wind geschwait wäre, mit dem
Heck unfehlbar auf dem Westriff festkommen müssen,
„Natuna“ konnte jetzt die „München“ glücklich in den Hafen von "Tomil
einschleppen, wo sie um 6'/e Uhr nachmittags an einer schon vorher ausgeloteten
und durch Bojen bezeichneten Stelle in der südlichen Bucht des Hafens zu
Anker ging.
Mit dieser Wiederabbrirgung war der erste Theil der Aufgabe gelöst, die
sich Inspektor Meifsel gestellt hatte.
Da die mit den örtlichen Verhältnissen bekannten Seeleute die Schwierig-
keit einer solchen Aufgabe besser zu beurtheilen im Stande sind als Ferner-
stehende, so gestatte man uns, das vom Kommandanten S, M. S. „Seeadler“,
Herrn K.-Kapt. Schack ausgesprochene Urtheil über die Lösung jenes ersten
Theils der gestellten Aufgabe hierher zu setzen:
„Zu dem glücklich gelungenen Abbriugen des Postdampfers „München“
nach dreimonatigem Festsitzen in der äufserst gefährdeten Lage vor der Einfahrt
zum Tomil-Hafen auf Yap spreche ich der verehrten Lloydinspektion meinen
besten Glückwunsch aus. Das so fern von allen Hülfsmitteln geleistete Werk