Lübeke, Chs.: Taifun in den ostasiatischen Gewässern vom 2. und 3. August 1901. 507
mehr nach Westen, so dafs er um 8" nachmittags schon die Richtung NW8 hatte,
und die See durch die schnelle Wendung des letzteren immer wilder und durch-
einanderlaufender wurde; Barometerstand um diese Zeit 739 mm. Auf der nun
folgenden Wache von 8 bis 12* nachts wurde das Wetter immer stürmischer,
das Schiff arbeitete furchtbar und nahm schwere Seen an Deck, infolgedessen
die Fahrt reducirt werden mufßste. Um 10* 15” nachts wurde der Dampfer, da
man sich anscheinend bei dem immer mehr fallenden Barometer dem Centrum
des Taifuns näherte, auf den Kurs SWzS gelegt, worauf man denn auch be-
merkte, dafs der Stand des Barometers so ziemlich auf derselben Höhe blieb,
Folgende Barometerstände und sonstige Angaben wurden während der letzten
Wache notirt: Am 2. August um 9" nachts WNW9, oqr; Barometer 737,4 mm;
um 10% nachts NW 9/10, ar; 736,1 mm; um 11" nachts WzS 10, qr, 735,8; um
12" nachts WSW 10, qr, 735,2 mm.
Leider mufste um -12* nachts, um der Küste nicht zu nahe zu kommen,
wieder nach NO gewendet werden; denn man bemerkte auf diesem Kurse bald,
dafs das Barometer wieder schneller fiel, die See unhandiger und der Sturm
bei heftigem Regen stärker wurde. Nachdem daher eine Distanz von 30 Sm
N46°0 zurückgelegt und das Schiff also wieder gut frei vom Lande war, legte
Kapitän Schweer dasselbe um 4° morgens wieder auf SSO-Kurs, da man ja
deutlich erkennen konnte, dafs man sich dem Centrum des Orkans wieder be-
deutend genähert hatte. Auf dieser Wache wurden folgende Notirungen im
Journal gemacht: Um 1" morgens des 3. August, Wind WSW 10, oqr, Baro-
meter 734 mm; um 2% morgens WSW 10, oqr, 7318 mm; um 3 morgens
WSW 10, oqr, 730,7 mm; um 4" morgens SWzW 11, oar, 729,8 mm.
Als der Kapitän um 4* morgens sein Schiff wieder auf den südlichen
Kurs legte, bemerkte er leider, dafs dasselbe bei der hohen, wilden, durchein-
anderlaufenden See nicht mehr steuern wollte, sondern quer in derselben liegen
blieb und furchtbar an zu schlingern fing; erst bei einem erneuten Versuche um
4 30° morgens gelang es ihm, den SSO-Kurs zu steuern. Um 5° morgens ging das
Centrum des Taifuns anscheinend nördlich vom Dampfer vorüber, es wurde bei
SW 11, oqr, der niedrigste Barometerstand mit 728 mm notirt. Kurz
nach dieser Zeit fing das Glas dann schnell an zu steigen, so dafs um 6* morgens
dasselbe schon 733,5 mm bei SW 11, or q, um 7° morgens 735 mm, SWzS 11, org,
um 8° morgens SSW 10, org, 736,8 mm zeigte. Während der letzten Wache
hatte der Dampfer 14 Sm SzO zurückgelegt. Man konnte deutlich erkennen,
dafs es sehr vorsichtig vom Kapitän gewesen war, dafs er sein Schiff um
4h morgens wieder nach Süden gewendet hatte; denn sonst wäre der Dampfer
wohl in die Mitte des Centrums hinein gelaufen. Nachdem nun um 8" morgens
das Wetter etwas handiger und der Barometerstand etwas stetiger geworden, wurde
wieder abgehalten und N 43° O gesteuert; um 9* morgens wurde dann SSW 9, oqr,
738,5 mm; um 10" morgens Süd 9, oar, 739,5 mm; um 11" morgens SSO 11/12,
qr, 740,3 mm; um 12" mittags SO 5, oc, 740,5 mm notirt; während der ganzen
Wache herrschte noch eine wild durcheinander laufende See, besonders um 11*
morgens passirte eine orkanartige Bö mit wolkenbruchartigem Regen.
Man sieht aus dem eben Erwähnten deutlich, dafs der Dampfer sich um 11*
morgens dem Centrum wieder genähert hatte, da dasselbe aber schon westlich vom
Schiffe lag, es als sehr weise vom Führer betrachtet werden mufs, dafs derselbe
seinen Kurs nach NO beibehielt; denn nur durch diese Handlungsweise entfernte
sich das Schiff schnell vom Centrum des Taifuns. Am Mittage des 3. August
hatte „Tucuman“ 26° 1‘’N und 121° 21’ O-Lg. erreicht und war, da sich das
Wetter jetzt zusehends besserte, glücklich und ohne Schaden an Schiff und
Mannschaft von diesem Taifun verschont geblieben, welches wohl hauptsächlich
dem Umstande zu verdanken ist, daß der Führer des Dampfers, obgleich ‚ein
Neuling in der Fahrt nach Ostasien, sich vor Antritt seiner Reise genügend über
die Verhältnisse in den Chinesischen Gewässern auf der Seewarte orientirt hatte
und dann, als er mit seinem ihm anvertrauten Schiffe von einem Taifun über-
fallen wurde, auch sehr vorsichtig, energisch und unter Berücksichtigung :aller
ihm zu Gebote stehenden meteorologischen Anweisungen gehandelt hat. Im