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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 41 (1913)

Wagner, H.: Zur Geschichte der Seemeile. 
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dem 15. und 16. Jahrhundert« (1834) ja eigentlich die Geschichte der Nautik im 
Zeitalter der Entdeckungen nach der geographischen Seite erst begründet hat, 
sehen wir von einer grundsätzlich falschen Fragestellung ausgehen. Es ist aller- 
dings auffallend, wie wenig sich Humboldt mit der für jene Zeit besonders 
wichtigen Meilenfrage befaßt. Wir lernen aus seinen »Kritischen Untersuchungen« 
fast nichts über die Entdeckermeile, Er sagt:!) »Auch Tomaso Porcacchi 
(im Jahre 1576) erinnert, daß 17*/, leghe oder 70 italienische Meilen einen Grad 
ausmachen. Im 15. und .16. Jahrhundert waren also (sie!) nicht mehr die 
römischen Meilen im Gebrauch, von denen 75 auf den Grad des Aquators gingen«, 
Hier definiert Humboldt die italienische Meile zwar nicht als heutige Seemeile, 
sondern setzt sie, da deren 60 auf einen Grad gehen, zu °/, einer solchen an, 
andererseits nimmt er sie — was für das Zeitalter der Entdeckungen unbedingt 
unrichtig ist — größer als die römische Meile (millia passuum) an, nämlich im 
Verhältnis von 75/., oder !5/,,. Indessen liegt. das Unlogische in dieser Schluß- 
folgerung Humboldts klar zutage. Er nimmt das Tertium comparationis, den 
Erdgrad, in beiden Fällen ohne weiteres als gleich oder identisch an, statt die 
70 Miglien mit der Größe des Grades, wie sie sich nach den Anschau- 
ungen der damaligen Zeit stellt, in Beziehung zu setzen. 
Wir sehen hier Humboldt in demselben Grundirrtum befangen, aus 
welchem der klar denkende d’Avezac im Jahre 1858 seinen wissenschaftlichen 
Gegner, F. de Varnhagen, befreien wollte, als beide die große Kontroverse über 
die Reisen des Vespucci führten, die sich durch zwei Bände des Bulletin de la 
soci6&t6” de g&ographie de Paris hindurchzog. Der Diplomat und Historiker 
Varnhagen hatte geglaubt, einen Unterschied der Größe zwischen den im Zeit- 
alter der Entdeckungen von den Portugiesen und .den Spaniern angewandten 
Seemeilen durch folgenden Trugschluß nachweisen zu können: »Wenn die Por- 
tugiesen 162/,, die Spanier 17'/, Leguas auf den Erdgrad rechneten, so müssen 
die ersteren unbedingt ein größeres Meilenmaß gehabt haben. Denn die por- 
tugiesische Legua maritima war der größere (== 1:16°/;), die spanische der 
kleinere (= 1:17!) Teil eines Erdgrades«. Darauf antwortete d’Avezae so 
treffend, daß wir die ganze, offenbar heute ganz in Vergessenheit geratene Stelle 
im Wortlaut wiedergeben.) 
_»Oubliant que les &valuations flottantes du degree terrestre au XV® et 
XVIe siecles ne sauraient, sans un renversement complet des lois de la logique, 
etre prises pour 6talon fixe de l’unit& de mesure employ&e alors ä ces appre- 
ciations plus ou moins conjecturales, notre confrere raisonne perpetuellement, 
comme si la g&Eodesie eüt d&jä en ces 6poques d’incertitude, fix6€ la valeur im- 
muable du degre, et que les cosmographes d’alors, au lieu de s’essayer ä estimer 
plus on moins grossierement en lieues usuelles de leur temps, la grandeur inconnue 
du degree, eussent au contraire employ&€ des lieues diverses pour varier expression 
d’une valeur unique, certaine, et bien connue de tous, de ce degre non encore 
mesur6.« 
Also Varnhagens Grundirrtum bestand darin, nicht etwa in gelegent- 
licher Bemerkung, sondern darauf insistierend, jenen Zeiten um 1500 ein Wissen 
über die Größe der Erde oder des Erdgrades unterzulegen, wie man es auf 
geodätischem Wege erst nach mühsamster Arbeit weiterer zwei Jahrhunderte 
erworben hat. »Die Portugiesen fanden«, so können wir seine irrtümlichen 
Folgerungen umschreiben, »daß ihre Meile 16?/,mal in dem doch in seiner Größe 
feststehenden Erdgrad enthalten sei; die Spanier haben damals also eine kleinere 
Meile gehabt, da von den ihrigen 17l/, auf den Erdgrad gingen.« 
3. Diese Beispiele, die sich leicht vermehren ließen, mögen an dieser Stelle 
genügen, Unsere Frage gehört in das fast unerschöpfliche Kapitel der Irrtümer 
auf seiten der Historiker der Geographie, namentlich der mathematischen, wenn 
sie sich nicht in die landläufigen Anschauungen der Zeiten, die sie beschreiben, 
namentlich hinsichtlich der zeitgenössischen Maße, versetzen. Die obigen Beispiele 
1) Kritische Untersuchungen I, S. 83. Berlin 1836. ; 
?) Bulletin de la societe de gE&ographie de Paris. IVe Serie, vol. 16, p. 258, Paris 1858.
	        
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