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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

Grossmann: Extremtemperaturen in Hamburg in den Jahren 1876 bis 1900. 465 
die Nachttemperaturen der warmen Monate in höherem Grade von dem jährlichen 
Gange der Erdbodentemperatur beeinflufst werden wie die höchsten Tagestempe- 
raturen; es kommt aber noch der Einflufs des jährlichen Ganges des Wasser- 
gehaltes der Luft hinzu, der die nächtliche Abkühlung unter Umständen stärker 
als die höchsten Tagestemperaturen zu beeinflussen vermag. 
Nur in 27 Fällen sank die Temperatur der Nacht nicht unter 19° und 
nur in 9 Fällen nicht unter 20°, darunter 15 bezw. 5 Fälle im Juli; als die 
höchsten Werthe des nächtlichen Minimums wurden im Juni 20,8°, im August 
21,1° und im Juli 21,3° beobachtet; die Fälle, in denen die Nachttemperatur in 
Hamburg nicht unter 21° sinkt, sind hier ebenso selten wie die Maifröste. Da 
die warmen Nächte zur Zeit hoher Tagestemperaturen auftreten und zur Ver- 
minderung der nächtlichen Ausstrahlung bewölkten Himmel verlangen, so sind 
für sie die Bedingungen der nächtlichen. Gewitter in besonderem Grade ge- 
geben; gegenüber den im Sommer am Tage durch die Wärme hervorgerufenen 
Gewittern, die wir als Wärmegewitter bezeichnen, sind diese nächtlichen Ge- 
witter eigentlich Kältegewitter, indem bei diesen die thermischen Gegensätze 
zwischen den Temperaturen der Luft am Erdboden und in der Höhe durch die 
Erkaltung der auf den Wolkenschichten aufliegenden Luft hervorgerufen werden. 
Eine Untersuchung der Wetterlagen zur Zeit der höchsten und der nie- 
drigsten Temperaturen in Hamburg lehrt, dafs die höchste Sommerwärme und 
ebenso die größte Winterkälte während je fünf Monaten, mit Mai bezw. November 
beginnend, bei östlichen Winden, meist aus SO bis Ost, einzutreten pflegen und 
dafs nach einem Monat verschiedenartigen Verhaltens während der folgenden vier 
Monate, also wieder mit November bezw. Mai beginnend, die höchsten Tempe- 
raturen bei Winden aus SW und entsprechend die niedrigsten bei Winden aus 
NW zu erwarten sind, worauf wiederum März—April für die höchsten und Sep- 
tember—Oktober für die niedrigsten Temperaturen wechselnde Verhältnisse bei 
den Wetterlagen aufweisen. Als frühester Termin des sommerlichen Wettertypus 
hoher Wärme fand sich der 25. März, als spätester der 16. Oktober und als 
spätester Termin besonderer Kälte bei Nordwestwinden der 24. September. 
Den genannten thermisch charakteristischen Tagen kommt in hohem Grade 
die Neigung zu, in Perioden aufzutreten; ihr Vorkommen ist ein ganz anderes, 
als es die rein zufällige Vertheilung auf den Zeitraum mit sich bringen würde, 
Berechnen wir unter Zugrundelegung der beobachteten Zahl dieser Tage, wie 
viele bei rein zufälliger Vertheilung einzeln auftreten mufsten, so ergiebt sich, 
dafs auf 100 solcher vom Zufall geforderter Fälle in Wirklichkeit nur 18 KEis- 
tage, 19 Frosttage, 33 Sommertage und 40 warme Nächte kommen. Hiernach 
ist die Neigung zum Auftreten in Perioden am gröfsten und nahezu gleich stark 
ausgesprochen für die Eis- und Frosttage und etwa halb so groß für die Sommer- 
tage und die warmen Nächte, für diese am schwächsten ausgeprägt. Es spricht 
sich in diesem Verhalten der vier Arten von Tagen in erster Linie die soge- 
nannte Erhaltungstendenz der Witterung aus; hat sich eine bestimmte Wetterlage 
herausgebildet, so pflegt sie längere Zeit zu bestehen. Diese Fortdauer zeigt sich, 
wie eingehende Untersuchungen gelehrt haben, verschieden grofs für die ver- 
schiedenen Wetterlagen oder Wettertypen und weiter in hohem Grade von der 
Jahreszeit abhängig. Die höchsten wie die niedrigsten Temperaturen treten nicht 
unvermittelt mit einem Male auf, sondern bereiten sich durch stetige gleichartige 
Aenderungen von Tag zu Tag tagelang vor. Als ein wichtiges unterscheidendes 
Moment für die Entwickelung der höchsten und der niedrigsten Temperaturen 
ist hervorzuheben, dafs die untersten Luftschichten durch Erwärmung leichter 
werden und somit eine Vergrößerung ihrer Neigung zum Aufstieg erfahren, 
während eine Erkaltung der unteren Luftschichten diese schwerer werden läfst 
und das Aufsteigevermögen verringert. Temperaturabnahme fördert also die 
Fortdauer kalter Witterung, während Temperaturzunahme der Fortdauer warmer 
Witterung entgegenwirkt. Wie die Temperatur mit dem Fortbestehen warmer 
oder kalter Witterung immer extremer wird, möge folgende Zusammenstellung 
der mittleren Minimum- und Maximumtemperaturen des Zeitraumes lehren, die 
den Perioden der Frosttage und der warmen Tage von verschiedener Länge 
zukamen, wobei als warme Tage solche gezählt wurden, an denen die höchste 
Temperatur wenigstens 20° betrug.
	        
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