ä 4 sr
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September
101
—_ Vom 23. bis 29. Oktober sah ich öfters einen merkwürdig hellen, etwa
2° hohen Streifen über dem Horizont im Westen. Er entsprach nicht dem
Aussehen des Eisblinks, hatte eher Aehnlichkeit mit klarer, wolkenloser Luft.
[ch habe keine Erklärung für seine Bildung gefunden.
Am 31, Oktober kamen wir aus den Packeismassen heraus, aber am
6. November gelang es uns erst, im Süden der Dänen-Insel einen Hafen zu er-
veichen. Gröfsere Treibeismassen fanden wir zwischen 79° und 79° 50‘ N-Br noch
nicht, wohl aber zahlreiche einzeln umhertreibende Schollen, welche die Schiffahrt
besonders bei unsichtigem Wetter und Seegang sehr gefährdeten.
Die Kobbe-Bucht, in der wir vermuthlich in der Nacht vom 3. bis zum
4. November geankert haben, war mit einer 1 m dicken Breieismasse bedeckt,
in welcher sich zahlreiche unzermahlene Schollen und Gletscherbrocken befanden.
Mit derselben Schlammeismasse, die ab und zu durch eisfreie Wasserstreifen
unterbrochen wurde, war die Westküste von Prinz Karl - Vorland in einer Breite
von einigen hundert Metern bis zu 2 Sm besetzt, die je nach ihrer Dicke und
Dichtigkeit die Fahrt mehr oder minder hemmte.
Am 5. November segelten wir auf etwa 79° 20‘ N-Br mehrere Stunden
lang durch 'Treibeismassen von einer Form, wie ich sie nur dies eine Mal bo-
»bachtet habe. Es waren lauter kreisrunde, tellerartige Schollen von 50 bis
75 cm Durchmesser, Die Ränder derselben waren etwas erhöht.
In der Nacht vom 6. zum 7. November kamen unabsehbare 'T’reibeismassen
ron Süden herauf und verlegten den Eingang zur Cross- und Kings-Bucht. Es
waren dies wohl die um das Südkap Spitzbergens von Osten durch Strömung
and Winde herumgetriebenen und von dem Golfstrom weiter nach Norden ge-
[(ührten Kismassen, die im Herbst jeden Jahres von dort herkommen.
Im Jahre 1895 verlegten dieselben, wie eingangs schon erwähnt, der
„KEllida“ den Weg nach Süden schon Mitte Oktober.
Wo wir uns auch immer befunden haben, mit Ausnahme der Tage vom
19. bis 25. Oktober, ob in der Nähe von Spitzbergen oder im Polarstrom, stets
haben wir zwischen dem eigentlichen Meereis Gletscherbrocken und Schollen
getroffen, die erdige Bestandtheile trugen.
Das Süd-Gat, in das wir am 6. November einliefen, war mit Schlammeis
gefüllt, in dem zahlreiche Gletscherbrocken und kleinere Schollen trieben.
Segelbar war dasselbe, hemmte die Fahrt aber zu Zeiten aufserordentlich, bei-
nahe bis zum Stillstand.
Allgemeines. Lange andauernde südliche und südöstliche Winde drängen
jas Eis an der Westkante von Spitzbergen nach Norden und in Verbindung mit
dem Strom nach Osten, während es aus der Hinlopen -Strafse und um das Nord-
astland aus denselben Gründen nach Westen gedrängt wird. Das Eis wird
dadurch hier im Norden von Spitzbergen so fest zwischen letzterem und dem
Packeis des Polarstromes zusammengeprelfst, dafs selbst ein mehrere Tage dauernder
Südsturm nicht im Stande ist, Landwasser zu bilden. Wir haben das jetzt erlebt.
Die „Antarctic“, die den Virgo-Hafen am 12. Juni verliefs, blieb bis zum 9, Juli
aördlich von dem Smerenberg-Sund und der Dänen-Insel eingeschlossen und kam
auch nicht frei, als ein Südsturm mehrere Tage geweht hatte.
Nach Ansicht der Fangfischer, von denen einer beispielsweise über 40 Jahre
hierher fährt, ist das diesjährige ein äufserst schweres KEisjahr.
So viel ich das jetzt übersehe, besagt das aber nicht ohne Weiteres, dafs
88 ein besonders strenger Winter war, sondern Wind und Strom allein können
eine solche Anhäufung des Eises hier im Norden von Spitzbergen hervorrufen.
Auch im vorigen Jahre war hier im Norden viel Eis. Die „Svensksund“ fand
am 8, August die Wijde-Bucht noch voll Eis, und die Packeisgrenze lag im
Norden während des gauzen August nicht weiter wie 8 bis 12 Sın vom Lande ab.
Wenn im Norden viel Eis ist, soll im Osten von Spitzbergen wenig sein,
was im vorigen Jahre auch konstatirt ist.
Eine Anhäufung von vielem Eise im Norden Spitzbergens bedingt nicht,
jedenfalls nicht in den Monaten Juni, Juli, August, eine gröfßfsere Ansammlung
von Eis im Polarstrom an der Ostküste von Grönland südlich von 75°, denn
gerade im vorigen Jahre haben im Juni das Segelschiff „Söstrene“, im Juli die
„Antarctic“ und „Frithjoff“ die Ostküste Grönlands aufsergewöhnlich bequem
erreicht und auch im August auf dem Rückwege viel offenes Wasser gefunden.