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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1901. 
ungefähr parallel dem Polarstrom verläuft, Loth- und Thermometerleinen, die 
versuchshalber heruntergelassen wurden, zeigten während der nächsten Zeit 
unserer Trift nach NO, woraus ich schließe, dafs sich der Golfstrom hier unter 
dem Polarstrom nach Norden ausbreitet und infolgedessen die Schollen in der 
Nähe des Packeisrandes, d. h. dort, wo er dieselben noch erreicht, zusammen- 
drängt. Ein gleiches Resultat in Bezug auf das Zusammendrängen der 
Schollen mufste allerdings auch der Wind bewirken, welcher vom 24. September 
his 10. Oktober wie festgenagelt aus einer Richtung wehte, die zwischen OzS 
and SO lag. Wenn nun aber die Stetigkeit der Windrichtung in unserem 
3peziellen Falle den Nachtheil hat, daß nicht zu erkennen ist, ob das dichte 
Zusammenliegen der Schollen hier eine Folge des Golfstromes oder der Winde 
ist, so beweist andererseits gerade dieser Fall ein Ausbreiten des Golfstromes 
nach Norden, denn bei nördlichen Winden wäre die Möglichkeit vorhanden 
zewesen, dafs das Eis durch dieselben nach Süden getrieben wäre und deshalb 
lie Leinen nach etwa NO gezeigt hätten. 
Die Richtung unserer Trift, welche ungefähr WzS war, beweist ferner, 
mit Rücksicht auf den zwischen 0zS bis SO wehenden Wind, daß wir uns in 
ainer vom Wind unabhängigen Strömung befanden. Die Beständigkeit in den 
ans umgebenden Eisverhältnissen war eine derartige, dafs wir bis zum 13. Oktober 
zwischen denselben drei Schollen eingekeilt blieben, wobei das Heck um %/ m 
gehoben war. Pressungen, und zwar manchmal ziemlich heftige, fanden noch bis 
zum 27. Oktober statt, aber die Lage war weniger unangenehm als am 22. 
23. und 24. September, weil das Durcheinandertreiben der Schollen und die 
dadurch bewirkte Schaffung von stets neuen, zum Theil gefahrvollen Situationen 
aufgehört hatte. Bewegung war während der ganzen Zeit unserer Trift im Eise. 
Der Gezeitenwechsel war wahrnehmbar. Es entstand während desselben eine 
allerdings sehr schwache Dünung. Vollständig ruhig lagen die Schollen auch 
3onst niemals. Selbst bei absoluter Stille und gleichmäfsiger Temperatur waren 
stets solche Geräusche zu hören, wie sie beim Aufeinanderreiben von Eismassen 
entstehen; darunter waren besonders bemerkbar jene, welche zur Bezeichnung 
„Singen des Eises“ geführt und welche eine grofse Aehnlichkeit mit dem aufser- 
yewöhnlich melodischen, flötenartigen Gezwitscher der Elfenbeinmöwen haben 
Eine genaue Beobachtung der Schollen ergab auch, dafs sie nicht eine zusammen- 
gefrorene oder in absoluter Ruhe befindliche Masse darstellten, denn es fanden 
schwache Verschiebungen der einzelnen Schollen und Schollenkomplexe zu ein- 
ander und eine wohl damit zusammenhängende, allerdings äufserst schwache 
Auf- und Niederbewegung statt. Es ging daraus hervor, dafs diese unüber- 
sehbare Eismasse von einer gewaltigen Naturkraft, die mit Rücksicht auf die 
GCHeichmäfsigkeit und Stetigkeit der Bewegungen des Eises nur ein Strom sein 
konnte, in Bewegung gehalten wurde. 
Wie viel bei dieser Trift auf Rechnung des stets aus ostsüdöstlicher 
Richtung wehenden Windes entfällt, ist nicht zu entscheiden. Da ich keinen 
Anhalt dafür habe, wie viel wir an den einzelnen Tagen getrieben sind, so habe 
ich die Distanz zwischen den Tagen, an welchen ich eine Observation erlangt 
habe, in soviel gleiche Theile getheilt, als Tage verflossen waren. Am 9. und 
[0. Oktober befand sich im Süden ein Wasserhimmel, und vom Mars aus konnte 
ich in einer Entfernung von etwa 4 Sm gröfßsere, offene Wasserstellen sehen, 
jenseits welcher sich aber wieder Eis befand. 
Wir kamen jetzt wahrscheinlich in eine Gegend, wo sich die infolge der 
Richtungsänderung des Golf- und Polarstromes entstehenden Stromkombinationen 
auf das Packeis geltend machten. Auch die Windverhältnisse änderten sich. 
Am 10. hatten wir ostnordöstlichen und am 11. und 12, Oktober östlichen 
Wind. Bis auf die oben angeführten offenen Wasserstellen blieb das Eis dicht 
gepackt liegen, auch als der Ostwind zum Sturm wurde, am Abend desselben 
Tages in eine nördliche Richtung überging und während des 13. Oktober mit 
orkanartiger Stärke wehte. Seit dem 2. Oktober hatte sich jüngeres Eis zu 
bilden begonnen, welches auf einzelnen kleineren Wacken nicht aufgebrochen 
war und eine Stärke von 40 cm erreicht hatte. Bei diesem Nordsturm kam eine 
allerdings nur schwache südliche Dünung auf, welche die Schollen in Bewegung 
setzte, dadurch das Jungeis zertrümmerte und aufserordentlich starke Pressungen 
verursachte, da dies Eis infolge Aufeinander- und Untereinanderschiebens der
	        
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