Aufsergewöhnliche Strahlenbrechung.
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Was diese Beobachtungen besonders werthvoll macht, ist die Sicherheit
der Ortsbestimmung durch Kreuzpeilung und Lothung. Beim ersten Erscheinen
der Feuer betrug der Winkel zwischen Assateague und Kap Charles etwa 40°,
beim Verschwinden 56°.
Die Luft- und Wasserwärme, an Bord beobachtet, war um 8" p 10° und 10°,
bei der Beobachtung der Feuer 10° und 9°, um Mitternacht 10° und 9° C.
Die Ursache dieser ungewöhnlichen Strahlenbrechung ist in der schnellen
und starken Erwärmung zu suchen, die sich in der Umgebung der Chesapeake-
Bai (Fig. 2) Ende April bemerkbar machte,
während die Luft- und Wasserwärme in See,
bis in die unmittelbare Nähe der Küste, auf
10° und 9° stehen blieb.
Die täglichen Minima und Maxima
der Lufttemperatur an sechs meteorologischen
Stationen in der Umgebung der Chesapeake-
Bai sind in Fig. 3 dargestellt. Die Werthe
sind den täglichen Wetterkarten der Ver-
einigten Staaten entnommen für die Zeit
vom 22. April bis zum 3. Mai 1901. Es sind
drei Paare von Stationen gewählt, je eine
Station im Binnenlande und eine an der
Küste: Baltimore und Atlantic City, Lynch-
burg und Norfolk, Raleigh und Hatteras.
Die Breite des ersten Paares ist 39° Nord,
die Entfernung der Stationen voneinander
100 Sm; das zweite Paar legt in 37° N-Br,
hat 137 Sm Abstand und liegt dem Kurse
des Dampfers „Dresden“ am 30. April am nächsten; das dritte Paar, in 36° N-Br,
hat 142 Sm Abstand. ;
. In erster Linie interessiren uns in diesem Zusammenhange die Maxima
des Binnenlandes, denn sie geben einen Anhalt dafür, wie schnell die Luftwärme
unter günstigen Bedingungen da steigen kann, wo die ausgleichende Wirkung
der See zurücktritt. In Baltimore steigt das Maximum in 8 Tagen von 12,2°
auf 30,0° (4 17,8°), in Lynchburg in 11 Tagen von 4,4° auf 32,2° (4+-27,8°), in
Raleigh in 10 Tagen von 7,8° auf 32,2° (+ 24,4°).
An den Küstenstationen steigt das Maximum: in Atlantic City in 5 Tagen
von 10,0° auf 17,8° (+ 7,8°), in Norfolk in 9 Tagen von 11,1° auf 30,0°
(+ 18,9°) und in Hatteras in 4 Tagen von 8,9° auf 17,8° (+ 8,9°). Norfolk,
dem Einflusse der See schon mehr entzogen als Atlantic City und Hatteras,
nähert sich in den Maximaltemperaturen schon mehr dem Binnenlande.
Die Windverhältnisse waren am 29. und 30. April ebenfalls für die Ent-
wickelung hoher Temperaturen günstig; am 29. war die Stärke mäfsig, steif nur
in Hatteras; am 30. war es auf allen sechs Stationen flau mit Winden aus allen
Quadranten. An Bord der „Dresden“ war die Stärke bis 10"p 2B. oder
weniger. Die dem Lande aufliegenden stark erhitzien Luftschichten wurden
demnach durch keine frische Briese weggeführt.
Wie grofs der Temperaturunterschied über dem Lande in der Umgebung
der drei Leuchtfeuer und über der See war, läfst sich nur schätzen. Nehmen
wir aus Fig. 3 für den 30. April die Maxima für Lynchburg 26,7°, Raleigh 24,4°,
im Mittel beider 25° C. an, und für Hatteras 10° C., so erhalten wir als höchsten
möglichen Unterschied 15°, Aus dem Verschwinden der Feuer gegen 10" 24” p
folgt, dafs erst um diese Zeit ein schnelles Sinken der Temperatur über Land
infolge der nächtlichen Ausstrahlung stattfand und damit zugleich eine schnelle
Abnahme der Strahlenbrechung. Als der Dampfer um 4"a am 1. Mai Kap
Henry passirte, war die Luftwärme noch immer 10°, die Wasserwärme 9°. Auf
ganz kurze Entfernungen betrug also der Temperaturunterschied am Abend des
30. April 10° bis 15° C., und zwar nicht nur an einer einzelnen Stelle, sondern
in einer Erstreckung von 54 Sm von Assateague bis Kap Charles,
Nord-Amerika ist wegen seiner schroffen Wechsel bekannt. Dafür bietet
Fig. 3 gute Beispiele. Am 22, und 23. April herrschen in Virginia (11) und Nord-
Carolina (II) noch winterliche Verhältnisse, Das Binnenland ist merklich kälter