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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

Dinklage, L. E.: Orkanartige Stürme südwestlich von den Kapverde-Inseln, 
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Wetter brachte einige Regenschauer und leichte Böen, hatte aber nicht im Ge- 
ringsten das drohende Aussehen, welches auf kommendes schlechtes Wetter 
schliefsen liefs. Auch im Nordostpassat, der nach drei Tagen Stille in der Nacht 
vom 5. zum 6. September auf 13,5° N-Br und 28° W-Lg als leichte Briese ein- 
setzte, blieb das Wetter anfänglich klar und schön, und das Barometer, welches 
am ungefähr 1 mm gestiegen, behielt seine regelmäfsige tägliche Periode. Krst 
am Morgen des nächsten Tages wurde das Aussehen etwas uvsicherer, doch 
blieb noch immer der Wind leicht. Verdächtig war nur, dafs das Barometer 
nach dem niedrigsten Stande um 4" a nicht wieder stieg, sondern, wenn auch nur 
sehr langsam, im Fallen blieb, Zugleich wurde das Wetter sehr regnerisch und 
dunkel. Durch diese Anzeichen aufmerksam gemacht, hatte Kapt. 'Thöm schon 
vormittags mehrere Segel festmachen lassen und sonstige Sicherungen vorgenommen. 
Auf das so ganz plötzliche Hereinbrechen des wüthenden Sturmes mit orkan- 
artiger Stärke um Mittag, das seinem Schiffe beinahe den Untergang brachte, 
war er aber nicht gefafst und konnte ein solches Ereignifs nach den vorhandenen 
Umständen auch wohl kaum erwarten. Das Barometer hatte um Mittag noch 
einen Stand von 758,9 mm, dann fiel es aber mit einer so rasenden Geschwindig- 
keit, dafs es um 2" p, als die nächste Ablesung stattfand, bis auf 734,2 mm her- 
untergegangen war, also 24,7 mm in 2 Stunden, vielleicht war es noch mehr, Um 
6" p war es schon wieder bis 756,7 aufgegangen. Das Journal enthält über den 
Sturm, seine Verwüstungen und die Rettung des Schiffes aufser dem nebenstehenden 
Auszug folgende Aufzeichnungen: 
Während die Mannschaft noch beim Segelfestmachen beschäftigt war, 
wurde der Wind so stark, dafs ich von den an Deck zurückgebliebenen Leuten 
auch das Vor- und Grofßobermarssegel niederfieren liefs, wobei die Segel weg- 
Aogen und die Raaen in halber Höhe hängen blieben. Regen und Seestaub ver- 
mischten sich zu einem Gischt, dafs man nichts mehr sehen und vor dem Brüllen 
des Sturmes, der mit orkanartiger Wuth raste, auch nichts hören konnte. Ich 
band die Rudersleute fest, damit sie nicht über Bord wehten. Die Mannschaft 
im Topp ließ sich aus Angst von oben gleiten. Das Schiff wurde so weit auf 
die Seite geworfen, dafs die Reling zu Wasser lag. Die Untermarssegel flogen 
vierkant aus den Lieken. Die fast neuen Kreuzbrassen brachen, und die Raaen 
flogen herum, dafs sie längsschiffs standen. An ein Abhalten nach etwa SW 
war nicht mehr zu denken. Gegen solchen ungeheuren Wirbel waren wir machtlos. 
Um 2:p — Wind N 12, Barometerstand 734,2 mm — knickte der Fock- 
mast in ungefähr 3 Fufß Höhe über Deck und stürzte mit dem ganzen Takelwerk 
über Bord, Diesem folgte alsbald der Grofsmast. Die St. B.-Nock der Grofsraa 
stieß im Ueberfallen gegen eine Stütze im Rennstein, blieb so stehen und ver- 
hinderte auf diese Weise, dafs der Grofstopp gänzlich über Bord fiel. Der Unter- 
mast war in ungefähr 3 Fuß Höhe und zweimal unter der Mars eingeknickt und 
blieb mit drei Vierteln der Marsstänge, der Grofsraa und Untermarsraa über 
Deck hängen, während der obere Theil aufsenbords fiel. Durch das Knicken des 
Grofsmastes kamen auch die Stagen vom Kreuztopp los, was zur Folge hatte, 
dals die Kreuzmarsstänge über dem Eselshaupte einknickte und der Kreuztopp 
in sich zusammenfiel. Der Flaggenknopf berührte eben das Wasser, die Ober- 
bramraa lag auf dem Kajütsdeck, Dies war eine nette Bescherung: ein neues, 
kaum vier Jahre altes Schiff mit schwerem kräftigen Takelwerk zum vollständigen 
Wrack gemacht, und dies Alles in einer Viertelstunde!: 
Ich holte sodann die Kappäxte an Deck und befahl alle Trümmer fortzu- 
kappen. Es war eine mühsame Arbeit. Alles war Draht, Eisen und Stahl, und 
wir waren weder mit Eisensägen noch mit einer genügenden Zahl Kreuzmeilfseln 
ausgerüstet worden, die doch nur kleine Ausgaben verursachen und in einer 
solchen : üblen Lage von so grofsem Nutzen sind. Als ich in die Kajüte ging, 
sah ich nach dem Barometer, welches auf 734,2 mm (red.) stand. Die Masten 
stürzten um ungefähr 2*p. Gegen 2'%*p brach die Sonue durch, und der noch 
orkanartig wehende Wind drehte sich nach WNW. Später ging er allmählich 
nach Süd und flaute ab. Um 4"p hatten wir wieder schönes Wetter. Die See 
war aber noch etwas aufgeregt, und rollte das Schiff an beiden Seiten mit der 
Reling zu Wasser. Um 6'p Wind Süd 3, Barometer 756,7 mm. Um 7* passirte 
uns eine Bark unter vollen Untersegeln, die Bramsegel fest. 
Mit dem vollständigen Kappen des Fockmastes wurden wir gegen Mitter- 
nacht fertig: auch das Gut der Luvseite der grofsen Mars- und Bramstänge war
	        
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