Aerrmann, J.: Die Gezeitenverhältnisse in der La Plata-Mündung. 315
Piedras-Huk bemerkbar, während dies beim zweiten Drittel der Ebbe, in dem
Augenblick des stärksten Stromes, auf der Strecke bis Montevideo der Fall ist;
im letzten Drittel der Ebbe dagegen wird das gröfßsere Gefälle von der Piedras-
Huk bis nach Buenos Aires wahrnehmbar, weil dort schon die Einwirkung der
von Süd kommenden Gezeitenwelle fühlbar wird. Um zu genauen Resultaten zu
gelangen, bedarf es allerdings erst gleichzeitiger eingehender Gezeitenbeobach-
lungen an den verschiedenen bier in Betracht kommenden Orten, was sich jedoch
mit der Zeit wird verwirklichen lassen.
Am stärksten tritt der Fluth- und Ebbstrom in der Richtung der beiden
Tiefe A und B auf. Durch das Tief A laufen beständig die beiden Ströme von
Nord und von Süd und der aus dem Flufs herauskommende Strom; der Fluth-
strom theilt sich, wie bereits bemerkt, nach dem Passiren des Tiefes in zwei
Arme, von denen der eine in den Flufs eindringt, während der andere mit dem
aus der Samborombon-Bucht auslaufenden Ebbstrom nach dem Ozean zurückkehrt.
Bemerkenswerth ist auch die Richtung der beiden Tiefe A und B; es scheint,
dafs sie sich mit der Zeit vereinigen und die äufßsere Gruppe von Bänken ganz
von der eigentlichen Barre des Flusses abschneiden werden. Als ein Beweis für
die Richtigkeit der oben aufgestellten Behauptungen kann auch die Vertiefung
gelten, die sich im Tief A bemerkbar macht und an der, wie bereits erwähnt,
auch die Rhede von Montevideo theilnimmt.“ Soweit die Ansicht des Inyenieurs
J. Figueroa,
Hier sei auch die Erfahrung des Kapt. Danielssen, Dampfer „Ammon“,
erwähnt, der auf den Fahrten von der Magellan-Strafse nach Montevideo stets
mit geradem Kurse vom Kap San Antonio innerhalb der Archimedes-Bank auf die
Rhede von Montevideo zusteuerte und beim Kreuzen der Mündung nie eine
nennenswerthe Stromversetzung gefunden hat. Sogar unter besonders schwierigen
Umständen, drei Tage nach Neumond und bei starkem Oberwasser im Flufs, be-
trug die Stromversetzung nach Osten auf der ganzen Strecke nur 4 Sm, und dies
soll die stärkste Versetzung sein, deren sich Kapt. Danielssen in seiner lang-
jährigen Praxis erinnert. Dem stehen allerdings die Behauptungen der grofsen
Mehrheit der anderen dort regelmäfsig verkehrenden Kapitäne gegenüber, die
einen Kurs wie den vom Kapt. Danielssen gesteuerten wegen der grofsen Strom-
versetzung für zu gefährlich halten und es daher vorziehen, das Piedras-Feuer-
schiff in Sicht zu laufen und dann erst auf die Rhede von Montevideo zuzusteuern.
Es ist schwer zu entscheiden, wer hier Recht hat, da der Wind einen solchen
Einflufs auf die Gezeiten in der La Plata-Mündung ausübt, dalßs man kaum von
regelmäfsigen Gezeiten sprechen kann. Auch die eingehenden längeren Gezeiten-
beobachtungen, die von den Ingenieuren Huergo, Kummer und Gugerard bei
den Vorarbeiten für die geplanten Hafenbauten in Montevideo im Jahre 1896
angestellt wurden, haben im Großen und Ganzen nur wieder die alte seemännische
Erfahrung bestätigt, dafs die Gezeiten in der La Plata-Mündung vollständig vom
Winde abhängig sind und dafs sie selten regelmäfsig auftreten. Man kann daher
die ganze von dem Ingenieur J. Figueroa aufgestellte Theorie, die sich auf den
vegelmäfsigen Verlauf der Gezeiten stützt, kaum anders als eine interessante
Hypothese auffassen. Bei dem flachen Wasser der La Plata-Mündung genügt
schon eine leichte Briese, um die ganze Wassermasse in Bewegung zu setzen
und von einem Ufer zum anderen zu treiben.
Auch das Entstehen der Bank östlich von der Piedras-Huk, das allein
auf die Einwirkung der Richtung der Gezeitenströme zurückgeführt wird, scheint
ein nicht ganz stichhaltiger Beweis für die Theorie zu sein. Diese Bank kann
auch unter dem Einflufs der häufigen und starken südlichen und südöstlichen
Winde entstanden sein, welche die Wassermassen des Ozeans mit grofser Kraft
durch das Tief B gegen die Mündung werfen. Auf diese Weise wird nicht nur
der von den Wassermassen mitgeführte Sand vom Meeresgrunde in dem Tief B
und bei der Piedras-Huk abgelagert, sondern auch die Wirkung des auslaufenden
Flulswassers vollständig aufgehoben oder dessen Richtung auf das Tief A zu ab-
gelenkt, so dafs dasselbe die Kraft verliert, die Ablagerungen des Flusses wie
des Seeyanges an dieser Stelle fortzuschwemmen oder die Barre zu durchbrechen.