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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1901.
Stützen wir uns auf die Angaben der Seekarten, die für den Ebbstrom
eine Geschwindigkeit von '/2 bis 3 Sm und für den Fluthstrom eine solche von
i/a bis 1'/z Sm stündlich verzeichnen, so finden wir, dafs der Ebbstrom im All-
gemeinen vorherrscht. Ks entsteht nun die Frage, wie bei der Indio-Huk die
etwa 2 Sm breite und 5,5 m tiefe Barre entstehen konnte, die das westliche Tief
nach aufßsen vollstäudig abschliefst und Schiffe von grofsem Tiefgange hindert,
nach Buenos Aires zu gelangen. Ks spielt sich hier derselbe Vorgang ab wie
bei allen Flufsmündungen, die dem Einflufs der Gezeiten, des Seeganges und des
Windes unterworfen sind. Betrachten wir das Eintreffen der Gezeitenwelle an
Jen verschiedenen hier in Betracht kommenden Orten. In Montevideo ist das
erste Hochwasser nach Voll- und Neumond um 2*30”,*) beim Kap San Antonio
um 10", in der Samborombon-Bucht, etwas südlich von der Salado-Mündung,
10" 45”, bei der Piedras-Huk annähernd 11" 15“ und bei Buenos Aires 6", An
der Hand dieser Angaben kann man leicht das Fortschreiten der Gezeitenwelle
verfolgen. Es geht daraus hervor, dafs das Hochwasser, das in Buenos Aires
früher eintritt als beim Kap San Antonio, bei der Salado-Mündung und bei der
Piedras-Huk sich von Montevideo durch das westliche "Tief nach La Plata und
Buenos Aires fortpflanzt und damit ebenso der Fluthstrom. Wenn in Buenos
Aires oder La Plata Hochwasser ist, so ist in Montevideo bereits seit annähernd
3'/2 bis 4 Stunden Ebbe, während beim Kap San Antonio seit 2 Stunden, bei
der Salado-Mündung seit 1'/a Stunden und bei der Piedras-Huk seit %4 Stunden
Fluth herrscht. Bei der Indio-Huk jedoch dauert es noch 1'% bis 2 Stunden,
ehe die Ebbe eintritt.
Der Beginn der Ebbe fällt also bei Montevideo ungefähr — die sämmt-
lichen Zeitangaben sind ungefähre, da bis jetzt noch keine genauen Beobachtungen
von allen hier genannten Orten vorliegen — mit dem Beginn der Fluth beim
Kap San Antonio zusammen und umgekehrt; ebenso ist dies der Fall beim mitt-
leren Wasserstand, bei Ebbe sowohl wie bei Fluth, natürlich immer bei den ent-
zegengesetzten Tiden. Man sieht, dafs die Gezeitenwelle, deren Wirkung zwischen
Montevideo und dem inneren Theile der La Plata-Mündung bemerkbar ist, nicht
Jlieselbe sein kann wie diejenige, die zwischen dem Kap San Antonio und der
Nordgrenze der Samborombon- Bucht auftritt, weil sie nicht dieselben Gezeiten
hervorruft, sondern entgegengesetzte. Die Gezeitenwelle, die Hochwasser beim
Kap San Antonio und in der Samborombon-Bucht hervorruft, trifft daselbst 6!/2
bis 7 Stunden später ein als die Gezeitenwelle, die sich von Montevideo flufs-
aufwärts fortpflanzt. Die eine Gezeitenwelle, nennen wir sie die nördliche, läuft
vom Ozean nach der Nordküste der Mündung durch das Tief A, während die
3züdliche, von Mar del Plata an sich ungefähr parallel zur Küste haltend, durch
das Tief B in die Mündung eindringt.
Die nördliche Gezeitenwelle kommt von Ost und SO; vor der Piedras-
AHuk theilt sie sich in zwei Arme, von denen der eine als Fluth in den Flufs
eindringt, während der andere sich als Neerstrom (Ebbe) nach der Samborombon-
Bucht wendet. Die Südwelle pflanzt sich als Fluth an dem Kap San Antonio
vorbei nach NO fort, vereinigt sich, wie aus Tafel 27 ersichtlich, mit dem aus
dem Flusse auslaufenden Strome und läuft zusammen mit diesem nach Ost.
Auf diese Weise erklären sich: 1. der Unterschied der Hochwasserzeiten,
2, die Bänke, .die sich östlich von der Piedras-Huk, dem Vereinigungs- und
Trennungsorte der beiden Hauptströme, bilden, 3. die durch die kreisförmigen
Ströme ausgehöhlte Samborombon-Bucht und 4, die vor der Mündung liegende
und aus der Englischen, Archimedes- und Rouen-Bank bestehende Gruppe von
Bänken, die im Centrum der kreisförmigen Ströme liegt und daher um 80 mehr
der Ablagerung der vom Strom und Seegang mitgeführten erdigen und sandigen
Bestandtheile ausgesetzt ist.
Der soeben beschriebene Vorgang ändert sich natürlich unter dem Einfluß
starker südlicher und südwestlicher Winde, die entweder einen in der ganzen
Breite der Mündung in den Flufs hineinsetzenden oder in Ostnordostrichtung
herauslaufenden Strom erzeugen.
Vom Zeitpunkt des Hochwassers auf der Rhede von Buenos Aires aus-
gehend, macht sich das gröfßste Gefälle beim ersten Drittel der Ebbe bis zur
) Nach Angabe der englischen Gezeitentafeln ist diese Zeit zweifelhaft.