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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1991
Bericht vonKapt. F. Warneke, Führer der Viermastbark „Christine“,
über einen aufsergewöhnlich schweren Sturm aus südlicher Richtung
in etwa 46° S-Br und 137° O-Lg.
Auf unserer Reise nach Newcastle N, S. W. verliefsen wir am 23. Sep-
tember 1899 mit mäfßigem Westwinde unseren Ankerplatz in Algoa- Bai. Die
Reise verlief anfangs nur langsam, weil der Wind leicht aus Süd und SO vor-
herrschte. Später war er aus Nord uud NW auch nur leicht. Nachdem wir am
29. September nach 40° S-Br und 38° O-Lg gekommen waren, nahm die Reise
einen etwas besseren Verlauf, Beständige Westwinde setzten jedoch erst am
5. Oktober in etwa 42° S-Br und 60° O-Lg ein, und die Fahrt nach Osten nahm
nun einen guten Fortgang; vom 16. Oktober, in 42° S-Br und 116° O-Lg, bis zum
19. hatten wir jedoch den Wind aus südlicher Richtung von Stärke 2 bis 4, dann
holte er durch Ost und wehte weitere drei Tage bis zum 22, Oktober frisch aus
NO bis Nord.
Das Barometer fiel beständig, anfangs langsam, vom 21. mittags an, als
wir noch 764,5 mm notirten, rascher. Um 4"p des 22. stand es auf 742,7 mm.
Nichts Gutes ahnend, liefs ich um 6"p in die Obermarssegel und die Fock das
Reef einstecken und das Kreuzobermarssegel ganz festmachen. Von 8 bis 12" p
schwankte der Wind mäfsig bis frisch zwischen Nord und NW; trübe Luft, anfangs
der Wache einiger Staubregen, zu Ende der Wache trocken und zeitweise
Sterne durchblinkend. Barometer um Mitternacht 737,9 mm.
Am 23, Oktober herrschte bis 2*a bei Barometer 734,3 mm lebhafte, zeit-
weilig steife Nordnordwestbriese mit theilweise klarer trockener Luft und Nord-
westdünung. Danach flaute der Wind etwas ab auf Stärke 3 bis 4 und holte
gegen 3"a nach West. Luft ganz bezogen, feiner Regen. Um 3'/4 Uhr, bei einem
niedrigsten Barometerstande von 732,6 mm, sprang der Wind ohne jegliche Vor-
zeichen in einer orkanartigen Böe nach SSW; es war auch vordem keine südliche
Dünung bemerkbar, nichts Anderes als solche aus NW, Höchstens fünf Minuten
vor dem Ausschiefsen des Windes klarte die Luft etwas in SSW auf, und näherte
sich diese lichte Stelle mit rasender Schnelligkeit dem Zenith. Gleich nach dem
Raumen des Windes nach West wurden die Raaen vierkant gebrafst, und war
die Arbeit eben beendigt, als das Ausschiefsen des Windes stattfand.
Die Böe setzte mit solcher Gewalt ein, dafs Fock, Vorstängenstagsegel
und Voruntermarssegel zerrissen und in Fetzen davon flogen, bei letzterem Segel
brach die Schot. Obgleich sofort, ehe noch der Wind nach dem südlichen Viertel
holte, das Ruder hart St. B. gelegt wurde, gehorehte das Schiff dem Ruder nicht.
Das Schiff lag zum Kentern; es war nichts zu sehen, Alles war ein Schaum und
zalziger Wasserdampf, die Leereling lag unter Wasser. Inzwischen waren alle
Mann an Deck gerufen, die, nachdem sie die Raaen nothdürftig an den Wind
yebrafst hatten, die Ueberbleibsel der Fock und des gerefften Groflsobermars-
zegels befestigten. Der Wind jagte hart gegen die Nordwestdünung an, doch
wurde erst eine Stunde nach dem Einsetzen des Sturmes ein dem Winde ent-
sprechender Seegang bemerkt.
Die grofse Stärke des Windes hielt an bis 5"a, während das Barometer
wieder bis 737,8 mm stieg, und war für diese Zeit die Stärke wohl mit Recht
mit 12 zu bezeichnen. Nachdem wehte auch noch ein schwerer Sturm aus SW
(11 bis 12), der ungeheuer harte Böen mit feuchtem Schnee trieb, Das Schiff
hatte, nachdem die See, entsprechend der Windstärke, höher geworden war, fast
beständig die Leereling unter Wasser und dazu war „Christine“ in Ballast.
Um 8a Barometer 743,8, um Mittag 747,3 mm. Anhaltender schwerer
Sturm mit schweren Hagel- und Schneeböen. Nachmittags nahmen die Böen an
Stärke etwas ab, jedoch die See lief jetzt ungewöhnlich hoch. Schwere Sturz-
seen brachen sich am Bug und an der Luvseite des Schiffes, so dafs es mächtig
zitterte und das Seewasser hoch in die Takelung hineinspritzte. Das Schiff
arbeitete gewaltig und drückte noch sehr oft die Leereling unter Wasser. Auch
in der ersten Hälfte der Nacht kamen noch schnell aufeinanderfolgende schwere