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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

Die neuen meteorologischen Karten der Seewarte, 
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Zunächst ist die mittlere Temperatur des Oberflächenwassers während der 
betrachteten Monate zu erwähnen. Es giebt keine Beobachtungen, die leichter 
anzustellen und an Bedeutung wichtiger sind. 
In der That lassen sich durch Vergleichung der Temperaturen des Wassers 
mit denen der benachbarten Gewässer die Meeresströmungen erkennen, denn die 
Meeresströmungen sind weit wichtiger als wirkende thermische Kraft denn als 
dynamische Kraft; eben dieses Wärmeverhältnifs der Gewässer erlaubte es in 
verschiedenen Zeiträumen des Jahres die Ausdehnung des Golfstromes durch den 
Atlantischen Ozean zu verfolgen. Ihrerseits beeinflussen die Temperaturen des 
Meerwassers die der Luftschichten, welche die Oberfläche des Meeres berühren; 
lauen Luftschichten entsprechen niedrige barometrische Depressionen, und 80 
entstehen zu den Zeiten, in denen der Gegensatz zwischen lauen und kalten 
Luftschichten der ausgeprägteste ist, besonders im Winter, die stärksten De- 
pressionen, So erklären sich die häufigen Stürme, welche sich namentlich im 
Januar auf der Oberfläche des Golfstromes dahinbewegen. Diese schon von Maury 
bemerkte Wechselbeziehung ist seit Langem durch Beobachtung?) bestätigt worden, 
und man ist heutzutage im Stande, den Grad der Wahrscheinlichkeit der Stürme 
im Iunern der Rechtecke der Karte festzustellen. 
Zum Beispiel betragen die Aussichten auf Sturm im Januar 37,6°% zwischen 
45° und 50° N-Br- und 35° bis 40° W-Lg, 35,2% zwischen 40° und 45° N-Br 
und 40° bis 45° W-Lg; diese beiden so vom Wind erregten Rechtecke liegen auf 
der Route der transatlantischen Linien ‘nach New York, und man braücht sich 
dann nicht mehr zu wundern, wenn die transatlantischen Schiffsgesellschaften im 
Winter. ihre Ueberfahrtspreise ermäfsigen. Andererseits sind zur selben Zeit die 
Aussichten auf Sturm fast gleich Null im Norden von S. Domingo bis zum 
25, Breitengrade. 
Die Unterschiede in der Wassertemperatur sind zum grofsen Theile die 
Ursache der Entstehung der dicken Nebel. Da der Winter die Zeit ist, in der 
diese Unterschiede am schwächsten sind, so erreichte die Nebelhäufigkeit an den 
Küsten Amerikas dann ihr Minimum, während ihr Maximum im Juli und August 
beobachtet wird. Wenn man nun bedenkt, welche Unglücksfälle die Nebel ver- 
anlassen können — der Zusammenstofs der „Bourgogne“ mit der „Cromartyshire“ 
während des Nebels ist noch in aller Gedächtnis — so begreift man das Interesse 
an Einzelheiten über die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit dieser Erscheinung. 
Die Karte giebt die mittlere Zahl der Stunden mit Nebel im Monat in den ver- 
schiedenen Rechtecken an: die längste mittlere Dauer, im Januar, beträgt weniger 
als 59 Stunden, auf der Grofsen Bank; auf der Dampferroute beträgt sie im 
selben Monat kaum 46'/2 Stunden, 
Diesen Angaben entspricht natürlich diejenige der atmosphärischen Nieder- 
schläge (Regen, Hagel, Schnee). Die Dauer, nach Stunden im Monat angegeben, 
erreicht ihr Maximum selbstverständlich, wenn die Stürme am häufigsten sind; 
dasselbe Rechteck, das im Januar 37,6% Sturmwahrscheinlichkeit angiebt, hat 
Regen von einer mittleren monatlichen Dauer von 203'/2 Stunden. 
Die herrschenden Windrichtungen sind in die Rechtecke vermittels Längs- 
pfeilen, der Häufigkeit dieser Winde proportional eingezeichnet worden. Die 
Nützlichkeit dieser Angaben ist offenkundig für Segelschiffe, welche oft Zeit ge- 
winnen, indem sie Umwege machen, um widrige Winde zu vermeiden. Sie ist 
nicht unwesentlich auch für Dampfschiffe, denn wenn ihnen auch die günstigen 
Winde nicht helfen, so können doch widrige Winde ihnen ernstliche Ver: 
zögerungen bereiten. ?) 
Die Winterstürme bringen zahlreiche Unglücksfälle mit sich; besonders 
am Ende dieser Jahreszeit wird der Atlantische Ozean auch von Wracken durch- 
kreuzt, von denen manche lange umherirren, ehe sie zerschellen. Den Untergang 
der „Ville-de-Saint-Nazaire“ hat der Zusammenstoß mit einem dieser Wracke ver- 
schuldet; für die Schiffahrt ist es auch nützlich, die Punkte, wo die Wracke be- 
troffen werden, anzugeben; das thut auch nach dem Beispiel der amerikanischen 
1) Vgl. „Die Stürme des Nordatlantischen Ozeans und des Golfstroms.“ („Petermanns 
Mittheilungen“, 1862, Seite 229 bis 233.) — K.F. R. Andrau:’ „Sturmkarten‘ des Atlantischen 
Ozeans“ (Ibid., 1862, Karte 15). 
2) „Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie“, 1899, Seite 34 bis. 37.
	        
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