270 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1901.
50. Längengrade selten eingegangen. Aufzeichnungen über tropische Stürme an
ihrein Ursprungsorte oder nahe demselben fehlen fast gänzlich, daher ist der
Bericht des englischen Dampfers „Grangense“ von grofsem Interesse, welcher
den Cyklon 1800 Meilen 0zS von der Insel Guadeloupe antraf. Der „Grangense“
passirte das Centrum des Orkans und machte sehr sorgfältige und vollständige
Beobachtungen, welche nach dem Logbuche hier wiedergegeben werden; die
Richtigkeit der Angaben ist durchaus verbürgt.
„Am Nachmittage des 3. August, in 11° 51‘ N-Br und 35° 42’ W-Lg, trat
eine plötzliche Aenderung des Wetters ein, welche, da in dieser Gegend höchst
ungewöhnlich, der Aufzeichnung werth ist. Schon früh am Nachmittage hegann
das Barometer langsam von 760,2 mm zu fallen. Um 2"p stand es 755,1; der
Himmel wurde von Cumulo-Nimbus-Wolken bedeckt, und der Wind frischte zu
einem mäfsigen Sturme aus NNW auf. Um 4"p zeigte das Barometer 750,05 mm,
der Wind blieb mit zunehmender Stärke in derselben Richtung und von schwerem
Regen begleitet. Um 5"p erreichte das Barometer seinen niedrigsten Stand von
746,24 mm, während Windstille eintrat und der Regen aufhörte. Sehr schwere
Nimbus - Wolken zogen mit grofser Geschwindigkeit von SW herauf, und eine
hohe, kurze und gefährliche See aus NO liefs das Schiff schwer stampfen, wodurch
es gezwungen wurde, nach Osten abzufallen, um vorwärts zu kommen, da es sehr
leicht war. Um 6* 30” p kam eine schwache Briese aus SSW auf, und das Baro-
meter stieg auf 747,5 mm; ein sicheres Anzeichen, dafs das Centrum passirt war.
Um 7 Uhr abends wurde der Wind zu einem starken Südsüdweststurme mit
ungeheurem Regen, welcher die nordöstliche See niederschlug und uns in den
Stand setzte, auf unsern Kurs NO!/4O0 zurückzukehren. Um 8 Uhr abends stand
das Barometer 755,1 mm mit mäfsiger Sturmstärke, welche allmählich auf Süd
ging. Nach zwei schweren Böen um 10 Uhr abends klarte das Wetter auf, das
Barometer stetig steigend. Die See kam von SS0, der Himmel klärte sich auf,
und die Sterne wurden wieder sichtbar, eine starke Briese wehte aus Ost. So
endigte dieser kleine Sturm, welcher alle Anzeichen eines echten unentwickelten
Cyklons zeigte, mit Ausnahme der See in dem Centrum, welche, statt wild durch-
einander, fast plötzlich von NO kam und aus dieser Richtung andauerte, bis Wind
und See aus dem zurückweichenden Halbkreise sie überwältigten. Der Kapitän
des Dampfers, welcher viele Jahre hindurch gerade diese Strecke zwischen Europa
und dem Amazonenstrome befahren hat, und viele andere Personen an Bord,
welche mit diesen Gegenden seit lange vertraut gewesen, erklärten überein-
stimmend, niemals ein Wetter von cyklonischem Charakter so weit östlich je
zuvor angetroffen zu haben.“ —
Aus diesem Schiffstagebuche geht hervor, dafs der Cyklon noch nicht ganz
entwickelt war, als der „Grangense“ ihn antraf. Der aufserordentlich niedrige
Luftdruck, welcher die tropischen Stürme in ihrer vollen Entwickelung charakterisirt,
fehlte, und weder die Winde, noch die See hatten noch eine gefährliche Heftigkeit
erreicht. Zu gleicher Zeit zeigte dieser Sturm jedoch nach dem obigen Berichte
alle Symptome eines echten westindischen Cyklons, der aber noch nicht ganz
entwickelt war: Das scharf abgegrenzte Sturmfeld mit niedrigem Barometer-
stande, die Stille im Centrum und die vollständig cyklonische Drehung der
Winde, verbunden mit schwerem Regen. Vier Tage später, als der Cyklon') die
Insel Montserrat erreichte, war das Sturmfeld gröfser geworden; das Barometer
war fast 50 mm niedriger, indem es auf 697,22 mm gefallen war, die Winde
wehten mit Cyklonstärke, unermefslichen Schaden an Eigenthum und Verluste
von Menschenleben verursachend, und der Regen fiel in enormen Mengen nieder.
Der Sturm, welchen der „Grangense“ sozusagen in seiner „Kindheit“ angetroffen
hatte, hatte sich voll und ganz zum Cyklone entwickelt, dessen furchtbare Zer-
störungen in den Annalen von Portorico unvergessen bleiben werden. —
Der Ursprungsort dieses Cyklons ist noch unbestimmt, indessen das Ent-
wickelungsstadium, welches er am 3. August erreicht hatte, zeigt, dafs er sehr
1) Es sind mehrere Fälle aus dem Stillen und besonders aus dem Indischen Ozeane bekannt,
wo in dem nahezu Ost — West verlaufenden Gürtel, in dem Cyklonen entstehen, gleichzeitig zwei
verschiedene Cyklonen auftreten. Es ist also nicht ausgeschlossen, dafs auch der „Grangense“- und
der „Portorico“-Cyklon zwei verschiedene Cyklonen sind. Für die lange Strecke vom „Grangense“
bis zu den kleinen Antillen fehlt es aufserdem an weiteren Beobachtungen, die für den Nachweis
der Zusammengehörigkeit der beiden Stürme durchans nothwendig erscheinen. D. Red.