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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1901.
Zur Küstenkunde des Weifsen Meeres.
Der Mesane- oder Mezen=- Golf ist besonders für tiefgehende Schiffe in-
sofern gefährlich, als er in seinem westlichen Theile bei der Insel Morjowets
ganz von Bänken und Untiefen besetzt ist. Ks ist daher bei der Ansteuerung
der Mezen - Mündung nothwendig, zunächst das Leuchtfeuer auf dem Kap Orloff
anzulaufen, dann südwärts zu steuern, bis die kleine Insel Gorian West peilt,
um von hier aus nach einem Orte hinüber zu halten, der etwa 8 Sm nördlich
vom Leuchtthurme auf der Insel Morjowets liegt. Von hier laufe man noch
ungefähr 20 Sm ostwärts und halte dann auf die Mündung des Mezen-Flusses zu,
die gut zu erkennen ist. Lootsen wird man bereits vor der Mündung bekommen,
an deren linker Seite bei der Maslyanni-Bake eine Lootsenwachtstation ist. Die
Lootsen wohnen im Dorfe Semja am rechten Ufer. Die Wassertiefe von der
Mündung bis zur Tolstoi-Huk (eine Strecke von etwa 10 Sn) beträgt 8 bis 1m
hei Springtide - Niedrigwasser; letztere Tiefe (1m) ist vor der Tolstoi- Huk.
Weiter flußsaufwärts nimmt die Wassertiefe etwas zu; sie beträgt bei Rusanoff,
1'% Sm flufsaufwärts von der Tolstoi-Huk, 2,7 bis 1,3 m und weiter flufsaufwärts
bis zur Stadt Mesane 2,2 bis 4,5 m bei Springtide-Niedrig wasser. Da die Fluth-
höhe hei Springtide-Hochwasser 4,6 bis 6,7 m beträgt, können Dampfer von etwa
5 m Tiefgang den Ankerplatz bei Rusanoff erreichen; sie müssen zu diesem
Zwecke so in den Flufs einlaufen, dafs sie die flache Stelle bei der Tolstoi-Huk
bei Hochwasser passiren,
Bis’ Rusanoff ist das Fahrwasser betonnt. Die schwarzen Tonnen sind
einlaufend an B.B., die weißen an St.B. zu lassen. Da das Fahrwasser sich
beständig ändert und die Tonnen dementsprechend verlegt werden, können keine
näheren Angaben über die Lage der Tonnen gemacht werden. Auch die An-
gaben über die Wassertiefen sind infolgedessen nur ungefähre. Lootsenhülfe ist
für die Fahrt flußsaufwärts unbedingt erforderlich. Der Ankerplatz bei Rusanoff,
wo der Fluß eine Breite von etwa 2 Sm hat, ist, soweit bekannt, nur insofern
gefährlich, als der Strom in Betracht kommt, der bei starkem Oberwasser (Früh-
Jahr) eine Geschwindigkeit von 4 bis 5 Sm stündlich erreicht.
Der Gouverneur der Provinz Archangel, A. Platonowitsch Engelhardt,
schreibt über den Mezen - Fluß, den er gelegentlich einer Inspektionsreise mit
einem kleinen Dampfer besuchte, Folgendes:
Bei der Annäherung an die Mezen-Mündung fiel es mir auf, dafs wir fast
gar keinen Fortgang machten, trotzdem wir mit voller Kraft dampften. Der
auslaufende Strom ist hier ungeheuer stark. Das wild dahin brausende Wasser reißt
ganze Sandbänke auf einmal mit weg und verändert auf diese Weise das Fahr-
wasser beständig, Das Wasser selbst hat eine schmutzig gelbe Farbe; läfst man
einen Eimer voll Flulswasser stehen, so setzt sich etwa ein Drittel Sand ab. Die
Fluthhöhe beträgt ungefähr 7,6 m, so dals Dampfer bei Hochwasser über Sand-
bänke hinwegfabren können, die sonst trocken liegen. Die Schiffahrt in der
Mündung ist äufserst gefährlich. Es kommt oft vor, dafs ein mit Niedrig-
wasser festgerathener Dampfer im Laufe von einigen Stunden mit dem Sande
vollständig weggetrieben wird.
Ueber Gezeiten und Gezeitenströme auf dem St. Lorenz-Strome.
Nach „Notice to Mariners“ No. 9. Ottawa, 6. April 1901.
Das Ministerium für Marine und Fischerei in Kanada giebt bekannt, daß
nach neueren Beobachtungen, die während des Sommers 1890 im ganzen Unter-
laufe des Flusses ausgeführt wurden, gefunden worden ist, dals sich die Zeit des
Hoch- und Niedrigwassers bei Father Point besser zur Bestimmung des jeweiligen
Standes der Tide im ganzen Unterlaufe des St. Lorenz-Stromes eignet, als die