Ann. d. Hydr. ete., XXIX. Jahrg. (1901), Heft VL.
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Die Noth- und Orderhäfen der Azoren.”
Nach Berichten der Kaiserlichen Konsulate daselbst, des Kommandos S. M. S, „Moltke“ und des
Kapt. F, W.'Thöm, Schiff „Ostara“, ergänzt aus deutschen, englischen und portugiesischen Quellen.
(Hierzu Tafel 20 und 21)
Allgemeines. Die der Mitte des Nordatlantischen Ozeans am nächsten
liegende Inselgruppe der Azoren, in deren Nähe viele der gewöhnlichen Schiffahrts-
wege vorbei führen, hat durch ihre ‚elegraphische Verbindung mit Europa und
Nordamerika neuerdings erheblich größere Bedeutung für die Schiffahrt gewonnen,
als sie früher hatte.
Als eigentliche Handelsplätze sind die Azoren mit ihren unsicheren Rheden
von jeher nicht von hervorragender Bedeutung gewesen, weil einerseits sowohl
ihre Produktion wie ihr Verbrauch »ntsprechend ihrer Gröfse und Bevölkerung
beschränkt war, andererseits es aber keine sicheren Häfen gab, die für andere
Zwecke hätten nutzbar gemacht werden können. Mufsten die Inseln wegen ihrer
günstigen Lage zu den Schiffahrtswegen aufserdem auch gelegentlich von be-
schädigten oder nothleidenden Schiffen aufgesucht werden, so wurden gröfsere
Schäden an Schiffen in der Regel nur soweit reparirt, als dies zur Fortsetzung
der Weiterreise nach Europa oder selbst Nordamerika nothwendig erschien.
Sichere Häfen und bequeme Verbindungen mit Europa fehlten, und dies ver-
hinderte die Entwickelung von Schi fbau- und Reparaturanstalten gröfseren Mafs-
stabes, da namentlich letztere für Rheder und Versicherer bei Anordnung und
Ueberwachung von Reparaturen von gröfstem Werthe, oft ausschlaggebender
Bedeutung sind. Beide Nachtheile »ind jetzt bis zu einem gewissen Grade über-
wunden, da aufser der telegraphischen Verbindung auch Häfen bei den beiden
Hauptplätzen der Gruppe erbaut wurden, bei Horta auf der Insel Fayal und bei
Ponta Delgada auf der Insel San Miguel, die als sicher anzusehen sind.
Seit der telegraphischen Verbindung kommt die Inselgruppe auch mehr
und mehr als Orderplatz in Aufnahme, weil sie den äufsersten Vorposten Europas
bildet, der gleichzeitig den Vorzug hat, dafs auch Segelschiffe von ihm aus sowohl
Nord- wie Südeuropa ohne die Nachtheile eines weiten Umweges erreichen
können, was bei den bisherigen Orderhäfen ausnahmslos nicht der Fall. war. Es
sind somit Grundlagen geschaffen, die der weiteren Entwickelung dieser Häfen
sehr förderlich sein werden. Für den transatlantischen Verkehr dürfte sich die
Entwickelung dieser Häfen zu vollgültigen Noth- und Orderhäfen als segensreich
erweisen.
Die Inselgruppe ist auf ein —eites Gebiet vertheilt. Sie besteht eigentlich
aus drei einzelnen Gruppen, die in ziemlich grofser Entfernung voneinander
liegen und durch breite tiefe Durchfahrten voneinander getrennt sind, in denen
es keine Untiefen giebt. Auch die Durchfahrten zwischen den einzelnen Inseln
sind breit und tief, mit Ausnahme von der zwischen Fayal und Pico hindurch-
führenden, die nur etwa 2!/2 Sm breit ist, und in deren Mitte auch die Chapman-
Klippe liegt. Aufser in dieser Durchfahrt giebt es nur noch in der Durchfahrt
zwischen den beiden östlichen Inseln, zwischen San Miguel und Santa Maria,
Untiefen in größerer Entfernung von den Küsten.
Die Wassertiefen in der Umgebung der Inseln sind bedeutend. Aufser
der kleinen südwestlich von der mittleren Gruppe liegenden Princesse Alice-
Bank giebt es in einiger Entfernung von den Inseln keinen Lothungsgrund für
gewöhnliche Verhältnisse der Schiffahrt, so dafs man bei ihrer Ansteuerung
allenfalls nur mit Tiefseelothungen. rechnen darf.
Horta.“) Diese Stadt liegt am der Horta - Bucht an der Südostseite der
etwa 24 000 Einwohner zählenden Insel Fayal. Sie ist die Hauptstadt des west-
1) Brit. Adm,-Karte No. 1950, Azores; African Pilot, Part I, 1899, Seite 69 ff.
2) Brit. Adm.-Ka:ten No. 1855, Fayal, Pico and San Jorge; No. 1940, Fayal Channel, Horta
and Pim Bays.
Ann. Q. Hydr. etc... 1901. Heft YL