Ars
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1901
Der Cyklon von Galveston am 8. September 1900.
(Nach der „Monthly Weather Review“, September 1900.)
Der Cyklon, welcher die Insel Galveston im Golf von Mexico am Sonnabend
den 8. September 1900 heimgesucht hat, war ohne Zweifel eines der bedeutendsten
meteorologischen Ereignisse, welche die Geschichte kennt. Die von ihm ver-
ursachte Zerstörung spottet jeder Beschreibung, und gewifs noch zu niedrige
Schätzungen geben den Verlust an Menschenleben auf die erschreckende Zahl
von 6000 an. Diese Zerstörung wurde zum grofsen Theile auch durch eine
Sturmfluth herbeigeführt, welche vor dem Centrum des Cyklons, welches etwas
südlich von Galveston vorbeiging, vom Golf von Mexico hineinbrach. Diese etwas
über 1 m hohe Welle traf die flache, schon durch die wolkenbruchartigen Regen-
ylsse während des Orkans überschwemmte Insel mit fast unwiderstehlicher Gewalt
und zerstörte die südlichen, östlichen und westlichen Theile der Stadt gänzlich;
in den anderen Theilen der Stadt wurden viele Häuser zerstört und keines blieb
unbeschädigt. Der Gesammtschaden dieser Zerstörung in Galveston wird auf
etwa 30 Millionen Dollars geschätzt. —
Galveston ist eine sandige Insel von ungefähr 30 Meilen Länge und
1!/2 bis 3 Meilen Breite — die englische Meile == 1,61 km gerechnet. Die Insel
erstreckt sich in der Richtung SW—NO parallel mit der Südostküste des Fest-
landes. Am Ostende der Insel liegt die Stadt Galveston. MNordöstlich von
Galveston liegt die Halbinsel Bolivar, etwa 20 Meilen lang und '/4 bis 3 Meilen
breit. Zwischen der Insel Galveston und der Halbinsel Bolivar dehnt sich die
Bucht von Galveston aus, ein seichtes Wasserbecken von ungefähr 500 Quadrat-
meilen Fläche. Die Länge der Bucht längs dem Strande beträgt ungefähr 50 Meilen,
und ihre gröfste Entfernung von der Golfküste (Golf von Mexico) ist etwa
25 Meilen, Der gröfste Theil der Bucht liegt rw. Nord von Galveston, Der
Theil der Bucht, welcher die Insel westlich von Galveston vom Festlande trennt,
ist schr eng, nur ungefähr 2 Meilen (3,2 km) breit und mündet in den Golf von
Mexico durch die Strafse von San Louis. Der Haupteingang in die Bucht wird
durch Molen gebildet, von denen die südliche vom Nordostende der Galveston-
[nsel aus und die nördliche, von dem südlichsten Punkte der Bolivar- Halbinsel
ausgehend, gebaut worden ist. Der Kanal zwischen den Molen ist 3 bis 9 m
tief, je nach der Fiuth, Im Hafen selbst sind Kanäle von 9 bis 10'/2z m "Liefe;
das Gesammtareal beträgt etwa 8700 agkm mit einer Ankertiefe von 5'/2 m und
mehr. Das Hinterland der Bucht ist auf mehrere Meilen landeinwärts schr
niedrig, ein grofser Theil weit niedriger als die Galveston - Insel, und von der
Fluth so oft unter Wasser gesetzt, dafs weite Flächen wie Sumpfland erscheinen.
Dies sind in grofsen Zügen die geographischen und physikalischen Verhältnisse
des von dem Cyklon zerstörten Gebietes, --—
Die gewöhnlichen Anzeichen, welche die Annäherung der Cyklone angeben,
fehlten in diesem Falle. Das ziegelmehlartige Aussehen des Himmels wurde nicht
bemerkt, sowohl am Abend des 7. wie am Morgen des 8. war gerade auf diese
Erscheinung sorgfältig geachtet worden, welche sonst bei anderen Stürmen in
dieser Gegend genau beobachtet worden war. Cirrus-Wolken bewegten sich von
SO am Vormittag des 7., aber um Mittag wurden nur Alto - Stratus - Wolken in
NO beobachtet. Ungefähr den halben Nachmittag über waren die Wolken
zwischen Cirrus, Alto-Stratus und Cumulus getheilt, welche sich von NO heran
bewegten. Während des übrigen Tages herrschten Strato-Cumulus-Wolken mit
stetiger Bewegung von NO vor. Während des Nachmittags am 7. machte sich
eine schwere Dünung aus SO im Golf von Mexico bemerkbar; dieselbe blieb in
derselben Höhe während der Nacht, und die Fluth erhob sich zu einer ungewöhn-
lichen Höhe, obwohl der Wind aus Nord und NW wehte. — Während der Früh-
stunden des 8. herrschten unterbrochene Stratus- und Strato-Cumulus-Wolken mit
blauem Himmel vor, welcher an verschiedenen Stellen sichtbar wurde. Um
3 Uhr 45 Minuten vormittags fing es zu regnen an, aber dichte Regenwolken mit
schwerem Regen traten erst um Mittag ein und herrschten von nun ab vor.