Herrmann, E.: Rückblick anf das Wetter in Deutschland im Jahre 1900. 179
Rückblick auf das Wetter in Deutschland im Jahre. 1900.
Dieser Rückblick auf das Wetter über Deutschland im vergangenen Jahre
beruht, wie die früheren, auf dem Beobachtungsmaterial der Seewarte und den
Monatsübersichten fast aller deutschen meteorologischen Institute und Central-
stationen. In den angefügten Tabellen ist gegen das Vorjahr. keine Aenderung
eingetreten. ,
Das Jahr 1900 ist charakterisirt durch sehr milde Wintermonate am Be-
ginn und Schlufs des Jahres mit nur sehr kurzen Frostperioden, durch ein rauhes,
unfreundliches Frühjahr, das durch einen strengen Nachwinter eingeleitet wurde;
einen zwischen sehr kühlen, regnerischen Zeiträumen und Reihen aufserordentlich
heißer Tage ‚wechselnden Sommer, einen .im ‚Allgemeinen . unfreundlichen
regnerischen Herbst, der jedoch durch eine Reihe ‚angenehmer Nachsommertage
unterbrochen wurde, und schließlich durch einen milden Vorwinter., .
Die Luftdruckvertheilung,...die am Ende des Jahres 1899 das - aufser-
ordentlich milde Wetter über Deutschland herbeiführte, erhielt sich auch noch in
den ersten Tagen des verflossenen Jahres. Hoher Luftdruck lagerte vorzugs-
weise über dem südöstlichen, niedriger über dem südwestlichen Theile Europas.
Besonders in Süddeutschland überstieg an den ersten drei Tagen des Januar das
Thermometer stellenweise 10° und nahm damit den höchsten Stand des ganzen
Monats an. Dabei war das Wetter trübe und regnerisch; Nachtfröste kamen in
dieser Zeit nur stellenweise vor,
Mit der Entwickelung hohen Luftdruckes über Nordeuropa und dem .Ein-
setzen einer östlichen Luftströmung begann am 4. Januar die Luftwärme zu
sinken. In Norddeutschland wurden die Nachtfröste allgemein, und in Ostdeutsch-
land hielt sich vielfach. selbst am Tage das Thermometer unter dem Gefrierpunkt.
Das Erscheinen einer Depression im Nordwesten und ihre Verlagerung nach
Nordeuropa brachte keine erhebliche Temperaturerhöhung mit sich, da diese
Depression im Westen durch hohen Luftdruck bis in höhere Breiten hinauf ab-
geschlossen war, eine milde Luftströmung. aus südlicheren, ozeanischen Gegenden
also nicht zur Entwickelung gelangen konnte. Nachdem am 4. Januar die
Niederschläge über Deutschland nachgelassen hatten, traten dagegen dieselben
vom 9. bis. 11. wieder ergiebiger und in gröfserer Verbreitung auf. Veranlassung
dazu gab die Bildung eines Gebietes im Vergleich zur Umgebung niedrigeren
Luftdruckes, das jene Depression über den. nördlichen Gebieten, und mit-einer
solchen über dem Mittelmeer verband und zwischen zwei Hochdruckgebieten über
Deutschland sich hinzog. Der’ wirkliche Luftdruck über Deutschland ‚war 'in
diesen Tagen jedoch meist nicht ’unbeträchtlich‘ höher als der Mittelwerth der
einzelnen Orte. Zum Theil gingen diese Niederschläge in Form von Schnee
nieder. Da nach dem 11. mit der intensiveren Entwickelung eines Hochdruck-
gebietes über Europa auch über‘ Süddeutschland, woselbst bis zu diesem Tage
milderes Wetter sich erhalten‘ hatte, der Temperaturrückgang in empfindlicher
Weise zum Ausdruck gelangte, so bildete sich stellenweise‘ auch in den niedereren
Lagen eine Schneedecke. Diese gab ihrerseits wieder Gelegenheit zum Auftreten
strengerer Fröste, und so waren die Tage vom 13. bis 16, in ganz Deutschland
die kältesten des Januar; das Thermometer sank vielfach: unter‘ — 15°, stellen-
weise unter — 20°.
Am 13. und 14. Januar war der Frost über dem kontinentalen Europa
bis äu die Westküste Frankreichs und die nördlichen Gestade. des Mittelländischen
Meeres ausgedehnt. Eine im Westen Europas‘ erscheinende Depression, die
weiter nach Süden herabreichte, bewirkte indefs, dafs vom 15. Januar an die Frost-
grenze ostwärts zurückwich. Am 16. hatte das Thauwetter bereits die westlichsten
Theile Deutschlands erreicht; es breitete, sich daselbst weiter aus. Noch blieb
am 19. vereinzelt in Ostdeutschland das Thermometer auch am Tage unter dem
Gefrierpunkt. Von da ab bis gegen den 27. Januar war in ganz Deutschland
unter dem Einfluß einer lebhafteren südwestlichen Luftströmung das Wetter mild.
Nachtfröste wurden immer seltener. Die mit dem 15. wieder in größserer Ver-
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