Messerschmitt, J. B.: Resultate neuerer Kimmtiefenbeobachtungen. 165
Küste des Adriatischen Meeres in der Nähe von Pola, beim Fort Verudella, so
ausgewählt, dafs der Lichtstrahl nach dem Seehorizont nur wenig über Land,
etwa 30m, ging, um keinen störenden Einflufs der wechselnden Bodentemperatur
befürchten zu müssen. Die Zenithdistanzen wurden aus drei Augeshöhen, nämlich
10, 16 und 42 m Meereshöhe, beobachtet unter Berücksichtigung der Luft- und
Wassertemperaturen sowohl in der Nähe des Instrumentes als in der Nähe des
Horizontes.
Aus einer‘ eingehenden Diskussion dieser und der bei der „Pola“-Expedition
erhaltenen Beobachtungen konnten die Verfasser einige auch für die Praxis
wichtige Ergebnisse ableiten, die sich in den folgenden Sätzen zusammen-
fassen lassen.
Die Kimmtiefe hängt ebenso wie die terrestrische Refraktion am Lande
von der Temperaturdifferenz zwischen dem Beobachtungsorte und dem Orte des
anvisirten Objektes ab. Man kann daher die Kimmtiefe als eine Funktion des
Unterschiedes zwischen der Luft- und Wassertemperatur darstellen; der Luftdruck,
die Feuchtigkeit der Luft und die Bewölkung kann man dagegen hierbei ganz
vernachlässigen. Auch die Höhe der Temperatur selbst ändert den Refraktions-
koefficienten nur so wenig, dafs für alle Zonen dieselben Resultate verwendet
werden dürfen,
Die Hebung und Senkung der Kimm wird allein durch die Abnahme der
Lufttemperatur mit der Höhe bewirkt, und da dieses Temperaturgefälle in den
anteren Luftschichten stärker als in den oberen ist, läfst sich diese Ungleich-
mäfsigkeit am besten durch eine Parabel und damit der Temperaturgradient in
einfacher Form darstellen. Sind die Luft und das Wasser gleich warm, so nimmt
die Temperatur um 0,016° C. pro Meter Höhe nach oben hin ab;!) ist dagegen
das Wasser wärmer als die Luft, so wird durch den Wärmeaustausch, den der
Wind befördert, die dem Wasser zunächst gelegene Schicht erwärmt, wodurch
die Temperaturabnahne vergröfsert wird; ist das Wasser aber kälter, so
kühlt sich die untere Luftschicht fortwährend ab, es tritt also eine Verkleinerung
des normalen Werthes ein. Danach kann der Refraktions-Koefficient durch die
Formel
k = « (— 0,016 + 0,034 + 4 - f)
dargestellt werden, worin & nach den Angaben von Jordan und Helmert bei
10° Lufttemperatur 6,35
15° » 6,14
209 » 5,94
259 iM 5,74
beträgt. Die Zahl 0,034 rührt vom Luftdruck her und ist bei Beobachtungen in
Meereshöhe, also für alle Messungen auf See, konstant; in gröfseren Höhen nimmt
ie etwas ab. Der Temperatur-Gradient — 0,016 dagegen wird nach den Beob-
achtungen um /A-f geändert, wo A die Differenz der Lufttemperatur über See-
höhe minus Wassertemperatur an der Oberfläche in Zehntelgrad bedeutet und f
in Einheiten der 4. Decimalstelle aus der Formel f= gefunden werden
kann, wenn h die Augeshöhe in Metern bedeutet,
; Die Formel gilt jedoch nur, wenn die Vertheilung der Temperatur in
Höhe den soeben erwähnten Annahmen genügt, die bei der Aufstellung derselben
gemacht worden sind. Da dies jedoch nicht immer genau genug, auch bei an-
scheinend normalem Wetter, der Fall ist, so kann die so berechnete Kimmtiefe
von der wahren bis zu 30‘ abweichen, welcher Werth zwar noch ziemlich gro(s
ist, aber immerhin wesentlich kleiner bleibt, als die Abweichungen vom wahren
Werthe beim Gebrauch der gewöhnlichen Tafelwerthe betragen,
Der Betrag der Hebung bezw. der Senkung der Kimm kann aus einem
von den Verfassern hergestellten Diagramm entnommen oder aus den folgenden
Gleichungen berechnet werden:
Bei 6,5m Augeshöhe Hebung = 2,12 4 +15"
10,2 m » ” = 2,144 4 +- 17,9"
'5,9m # ® = 2,207 4 + 27,5”
41,8 m = 2,096 4 + 36,0" -
1) Am Lande ist die Temperaturabnahme pro Meter zwischen 0,009° und 0,014° in Meeres-
höhe. Vgl. Jordan: „Vermessungskunde“, 2, Bd.; 1897, S. 542.