164 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1901.
genug, um brauchbare Zahlenwerthe für die Anwendung in der Praxis ableiten
zu können.
Eine gröfsere Beobachtungsreihe der Kimm, die sich über viele Jahre er-
streckt (1863 bis 1876), aber im Einzelnen nicht systematisch genug ist, stammt
von E. Kayser,*) der vom Observatorium in Danzig aus die Höhendifferenz
zwischen dem Leuchtthurm von Hela und dem scheinbaren Seehorizont mafs.
Hierbei war die Höhe des Beobachtungsortes 78 rhein. Fufßs über dem Meere,
während die Höhe des 29,7 km entfernten Leuchtthurmes 130‘ beträgt. Er fand
eine bedeutende Veränderlichkeit in der Höhe, die bei anscheinend normalen
Luftverhältnissen zwischen 1‘13“ und 6’52” hin und her schwankte, bei Luft-
spiegelungen jedoch bis zu 824“ anwuchs. Während manchmal auch ganz
extreme Werthe längere Zeit nahe unverändert blieben, konnten zu anderen
Zeiten rasche Aenderungen der Kimmtiefe nachgewiesen werden. Aus den Beob-
achtungen der letzten Jahre, welche mit einem anderen Instrumente als die
früheren angestellt wurden, berechnete Kayser die Refraktions-Konstante k für
den Leuchtthurm in den Grenzen zwischen 0,36 und 0,07 und für den Seehorizont
zwischen 0,55 und — 0,14. Im Mittel ergaben die Beobachtungen für den
Leuchtthurm k — 0,1306, d. i. sebr nahe den von Gaufs u. A. gefundenen Werth,
was wohl daher rührt, dafs die Visirlinie nach dem Leuchtthurm ziemlich hoch
gelegen ist, also die Luftschichten gleichmäfsiger temperirt sind als näher dem
Wasserspiegel. Kayser hat zwar regelmäßig die meteorologischen Angaben am
Beobachtungsorte notirt, dagegen fehlen die entsprechenden Angaben für den
Seehorizont und das Wasser. Es ist daher nicht möglich, das sonst so reiche
Material weiter zu verwenden.
Die ersten brauchbaren Messungen unter Berücksichtigung aller meteoro-
logischen Elemente und besonders auch mit Angaben der Wassertemperaturen
wurden auf dem französischen Schiffe „La Galisonniere“ 1884 im Rothen Meere,
im Indischen Ozean und im Chinesischen Meere bei 9 m Augeshöhe angestellt. ?)
Perrin selbst fand allerdings daraus nicht das Gesetz, welchem die Kimmtiefe
folgt. Die Beobachtungen bilden aber eine willkommene Bestätigung der von
Kofs aus seinen Messungen aufgestellten Gesetze, wie weiter unten gezeigt wird.
Der Vollständigkeit halber sind noch die von Forel®) am Genfersee an-
gestellten Beobachtungen zu erwähnen, welche jedoch nicht den Grad der Ge-
nauigkeit besitzen, um sie mit denjenigen von Kofs vergleichen zu können. Es
rührt dies wohl zum Theil daher, dafs die Temperaturverhältnisse über einem
Binnensee komplicirter als am offenen Meere sind und daher vielfache Störungen
auftreten.
Als letzte und wichtigste Arbeit ist diejenige von Kof[s*) zu nennen, auf
welche hier noch näher einzugehen ist.
In den Jahren 1887/88 hat K.Kofs während der Expedition der „Pola“
im Rothen und Mittelländischen Meere die Veränderlichkeit der Kimmtiefen
systematisch untersucht, wobei.er die Kimmtiefe hauptsächlich von den Tempera-
turen abhängig fand, während der Druck und die Feuchtigkeit der Luft vernach-
lässigt werden können. Aufserdem ergab sich, dafs das Temperaturgefälle zwischen
der Luft in Augeshöhe und der Wasseroberfläche der Hauptsache nach in der
untersten Luftschicht stattfindet, also in dieser Schicht der von der Wasserober-
fäche ausgehende Lichtstrahl die gröfste Refraktion erleidet.
Zur Vervollständigung dieser ersten Ergebnisse stellten dann K. Kofs und
E. Thun-Hohenstein gemeinschaftlich 1898/99 weitere Beobachtungen mit
einem astronomischen Universalinstrument und einem Nivellirinstrument an, die
sich über ein ganzes Jahr hin vertheilten, wobei stets von morgens bis abends
die Lage der Kimm verfolgt worden ist. Hs wurde hierzu ein Punkt an der
1) E. Kayser: „Beobachtungen über Refraktion des Seehorizonts und Leuchtthurmes von
Hela“, angestellt auf dem Observatorium der naturforschenden Gesellschaft zu Danzig. „Schriften
der naturf. Ges. in Danzig“, Neue Folge. IV. Bd., 2. Heft, 1877,
2) E. Perrin: „Sur les depressions de l’horizon de la mer.“ „Comptes rendus“ 102, 1886,
S. 495 und S. 597.
S 3) F. A. Forel: „Les variations de Fhorizon apparent.“ „Comptes rendus“ 129, 1899,
eite 272,
4) K.Kofs und E. Graf Thun-Hohenstein: „Kimmtiefenbeobachtungen zu Verudella.“
Denkschriften der Wiener Akademie. Math -naturw. KL Bd. 70. 1900.