134 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1901
„braven Westwinde“, wie sie Maury zuerst genannt hat, am stetigsten und für
die Fahrt des Schiffes am günstigsten wehen, dafs sie uns lehrt, auf den Fahrten
nach Ostindien beim wechselnden Monsun zwischen den günstigsten Meridianen
in bestimmte Breiten einzuschneiden, oder daß sie uns lehrt, das Schlimmste zu
vermeiden oder doch sich rechtzeitig darauf vorzubereiten in Fällen, in denen es
sich thatsächlich wohl um „Sein oder Nichtsein“ handeln kann; ich meine damit
die tropischen Orkane, die furchtbaren Stürme nordöstlich von den Falklands-Insehi,
südlich von Neuseeland und an anderen Gegenden; wir brauchen ja gar nicht so
weit zu gehen, unsere mehr heimischen Gewässer, wie z. B. der Nordatlantische
Ozean in den bekannten 40ern, d. h. in der Gegend, in der sowohl Breiten- wie
Längengrade als Zehner eine 4 haben, können ja Stellen genug aufweisen, in
denen es nicht sehr geheuer ist, wenn ich mich so ausdrücken darf,
Wenn wir nun sehen, daß die Segler heute ihre transozeanischen Reisen
mit einer regelmäßigen Schnelligkeit ausführen, welche der Schnelligkeit gewöhn-
licher Frachtdampfer nicht allzu viel nachsteht, so können wir nicht umhin, einen
grofsen Theil dieser Erfolge dem gewachsenen Verständnifs für die meteorologischen
Vorgänge auf unserem Planeten zuzuschreiben. Man behauptet ja nicht ganz mit
Unrecht, dafs diese Erfolge erst durch die Größe der Schiffe von heute möglich
geworden sind, dafs Reisen von 70 Tagen zwischen Hamburg und Iquique oder
umgekehrt, ja kürzlich ist die Reise von Tocopilla nach Dünkirchen in 60 Tagen
zurückgelegt, nur mit unseren modernen Vier- oder Fünfmastern gemacht werden
könnten, aber es sind doch auch schon früher ähnlich schnelle Reisen gemacht.
Ich will nicht reden von den Segelschiffen, die bis in die Mitte des Jahrhunderts
hinein den Postverkehr vermittelten und fast ausschließlich als Schnellsegler ge-
baut waren, es ist aber auch von gewöhnlichen Frachtschiffen auch früher schon
Aehnliches geleistet. Ich selbst bin im Jahre 1882 mit einem Schiffe, das nur
wenig über 1000 Tons tragen konnte, in 79 Tagen von England nach Neuseeland
und in 87 Tagen von Neuseeland nach England gesegelt, ein paar Jahre später
in 85 Tagen von Port Broughton (Spencer-Golf) nach Falmouth und wieder ein
paar Jahre später, im Jahre 1889, mit demselben kleinen Schiffe die letzte Reise,
in 79 Tagen von Wellington (Neuseeland) nach London. Gewifs spielt bei solchen
Reisen das Glück oder der Zufall eine grofse Rolle; wenn ich mir aber ver-
gegenwärtige, daß ich einmal, auf das Glück mehr als auf die Meteorologie ver-
trauend, einige 70 Tage von Australien nach Kap Horn unterwegs war, und
wenn ich meine späteren Erfahrungen dagegen halte, so mufs ich doch sagen,
dafs ein festes Vertrauen auf die Lehren der Meteorologie dem Zufall sehr zu
Hülfe kommt.
Meine Herren! Die Abhängigkeit der Dampfschiffahrt vom Wetter ist ja
lange nicht so ins Auge fallend. Vergegenwärtigt man sich aber, dafs der
Dampfer wegen seiner relativ hohen Betriebskosten mit Stunden rechnen mufs,
wo der Segler mit Tagen rechnet, dafs der Dampfer durch Nebel und durch
Stürme nicht selten Reiseverzögerungen erleidet, dafs er durch Meeresströmungen,
die ja ihrerseits wieder vom Winde abhängen, begünstigt oder behindert wird,
genau wie der Segler, dafs er in schweren Stürmen und Orkanen nicht besser
daran ist wie dieser und darin wie dieser sorgfältig manövriren und navigirt
werden mufs, so erhellt es ohne Weiteres, dafs auch für den Dampferführer eine
möglichst klare Einsicht in die meteorologischen Vorgänge auf unserem Planeten
nothwendig ist, trotzdem, wie ich schon sagte, der Dampfer den Fortschritt darin
sucht, dafs er sich vom Wetter unabhängig zu machen trachtet.
Zweifellos wird die sich gewaltig entwickelnde Technik immer bessere
Lösungen dieser Aufgabe finden, sei es durch neue Schiffstypen, sei es durch
neue Instrumente oder durch Erfindungen auf dem Gebiete des Signal- und See-
zeichenwesens oder gar durch Heranziehung von Kräften, die wir heute noch
nicht zu benutzen verstehen; immer aber werden zur Lösung dieser Aufgabe
auch Faktoren nöthig sein, welche nur durch fortschreitende Erkenntnifs auf
physikalischem Gebiete, also durch die Wissenschaft, gewonnen werden können.