Reinicke, G.: Die Meteorologie in der modernen Schiffahrt, 133
Wie wir wissen, schiebt sich zwischen die Passatgebiete beider Hemisphären
der „Kalmengürtel“, ein Ausdruck, der übrigens nicht gut gewählt ist, denn .der
Gürtel hat hier im Atlantischen Ozean die Gestalt eines Keiles, der mit seiner
Basis auf der afrikanischen Küste steht und dessen Spitze, je nach der Jahreszeit,
mehr oder weniger weit nach Westen in den Ozean hineinragt. Nun ist es ja
klar, dafs, je weiter nach der Spitze zu man dieses Gebiet überschreitet, desto
schmaler ist es, und desto schneller wird man durchkommen, aber der Südost-
passat, der über den Aequator herüber greift, und der grofse Aequatorial-Strom,
der nicht selten mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 Sm im KEtmal, d. i. in
24 Stunden, läuft, beide treiben uns westlich, und vor uns steht Kap Roque, die
Nordostspitze von Südamerika. Wir müssen also einerseits das Gebiet der
Kalmen so weit westlich überschreiten wie möglich, andererseits so weit östlich,
dafs wir nicht unklar von Kap Roque, der brasilianischen Küste kommen.
Ferner haben wir drei bis vier Monate im Jahre, in unserem nördlichen Sommer
und Spätsommer, anstatt des breiten Windstillengebietes an der Ostseite des
Ozeans den Südwestmonsun und haben durch diesen hindurchzufahren, was
natürlich mit dem Segler nur auf einem südöstlichen Kurse geschehen kann;
dann ist wieder die Entscheidung zu treffen, zu welcher Zeit das Schiff südlich
und östlich genug gelangt ist, um, nachdem der Südwestmonsun eine Richtung
rein S angenommen hat, auf Westsüdwestkurs nach dem Aequator in den Süd-
ostpassat hinein zu gelangen. Sie werden aus alledem leicht ersehen, wie
komplizirt die möglichst schnelle Durchquerung jenes Gebietes ist, und dafs nur
ein durch‘ genaue Kenntnisse der meteorologischen Verhältnisse ermöglichtes Aus-
nutzen derselben vor langem Aufenthalte in diesen Gegenden schützt.
Auf dem weiteren Wege nach Süden, sobald der Südostpassat erfafst ist,
wird durch diesen selbst der Weg des Schiffes zunächst vorgezeichnet. Nun
wissen wir, dafs auf der Mitte des Südatlantischen Ozeans ein Gebiet höchsten
Druckes lagert, in welchem Windstille herrscht und aus welchem, entsprechend
dem Buys-Ballotschen Gesetze, der Wind herausweht; wir finden denn auch,
dafs gewöhnlich, bald nachdem die Insel Trinidad passirt wurde, der Wind eine
Richtung, die nördlich von Ost ist, annimmt. Steuert nun ein Schiff gleich ziemlich
östlich, so geräth es leicht in zu grofse Nähe des Maximums und in Windstille,
besonders wenn, wie es häufßg der Fall ist, der höchste Druck sich aus Ursachen,
die wir allerdings noch nicht kennen, südlich verlagert. In solchen Fällen, denen
zunächst meist ein Fallen des Barometers und ein Rundlauf des Windes in einem
den Zeigern der Uhr entgegengesetzten Sinne vorhergegangen ist, pflegt der Wind
mit abnehmender Stärke aus südlichen, ja aus östlich von S liegenden Richtungen
zu wehen. Nehmen wir nun an, ein Schiff ist nach dem Kap bestimmt, so kann
es mit diesem Winde vielleicht noch ganz gut den direkten loxodromischen Kurs
innehalten und sich seinem Bestimmungsorte nähern; aber eine einfache Ueber-
legung zeigt, dafs dieser Kurs in Windstille führen mus, solange sich die Wetter-
lage, die aber, wie wir wissen, in jenen Gegenden oft lange anhält, nicht ändert.
Das Schiff mufs daher zur rechten Zeit wenden und südwestlich steuern, obwohl
dieser Kurs, wenigstens wenn man nach dem Kap bestimmt ist, vom Bestimmungs-
orte abführt. Ja, meine Herren! Das wird aber nur Derjenige thun, der
Meteorologie getrieben, zu ihren Lehren Vertrauen gefafst hat und sie auf die
Schiffahrt anwendet. Im Jahre 1883, nach Kapstadt bestimmt, traf ich in jener
Gegend, in etwa 32°S-Br und 19° oder 20° W-Lg, unter solchen Umständen einen
mir bekannten Oesterreicher; wir signalisirten zusammen; er wollte auch nach
Kapstadt, Der Wind wurde flauer, da wendete ich und lag nach SW. Der
Desterreicher fragte noch einmal, ob ich denn nach Kapstadt wolle, ich signalisirte
ja, dann waren wir so weit auseinander, dafs weiteres Signalisiren unmöglich
wurde. Ehe für mich der Wind durch O0 nach N und NW herum holte, kam
ich sehr südlich bis in die Route der nach dem Osten bestimmten Schiffe, machte
also einen beträchtlichen Umweg; als ich aber nach Kapstadt kam, war der
Oesterreicher noch nicht da, und er kam erst an, als ich nach etwa 14 tägigem
Aufenthalte wieder fertig in der Tafel-Bai lag, um nach Java weiter zu segeln,
Meine Herren! Ich fürchte, Sie durch weitere Verfolgung einer Reise nach
dem Osten zu ermüden; nur kurz andeuten möchte ich noch, dafs die Meteoro-
logie uns lehrt, beim Ablaufen der Länge zwischen dem Kap und Australien oder
zwischen Australien und Kap Horn die Breitenparallele zu finden, auf denen die