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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 29 (1901)

Reinicke, G.: Die Meteorologie in der modernen Schiffahrt, 
Seemann das Wissen, das ihm die Meteorologie giebt, anwendet in einem Kampfe, 
von dem es thatsächlich gelegentlich wohl heifst: „Sein oder Nichtsein das ist 
hier die Frage“, 
Die Abhängigkeit der Schiffahrt von den metcorologischen Zuständen der 
Erde ist eine so unmittelbare, dafs es wohl Niemandem einfallen wird, sie zu 
verneinen; man wird dabei aber zunächst an die Segelschiffahrt denken, deren 
Abhängigkeit von Wind und Wetter auch der Nichtfachmann ohne Weiteres er- 
kennt, während das bei der Dampfschiffahrt zunächst noch zweifelhaft sein 
könnte. Warum nicht zugegeben werden kann, dafs diese vom Wetter unab- 
hängig ist, werden wir später sehen, immerhin sucht sie aber den Fortschritt 
darin, dafs sie sich vom Wetter möglichst unabhängig zu machen trachtet, 
während die Segelschiffahrt den Fortschritt in möglichst geschickter Ausnutzung 
des Wetters sucht und, wie wir sehen, werden, findet, 
Denken wir uns dazu an Bord eines modernen Segelschiffes, das von der 
Ostsee nach dem Süden, den Kaplanden oder Australien, bestimmt ist. In der 
Ostsee und den benachbarten Gewässern ist mit der Meteorologie nicht besonders 
viel anzufangen. Zwar wird sich der Schiffer, der mit ihren Lehren vertraut ist, 
eine bessere Wetterprognose stellen können wie der, der sein Können nur aus der 
Praxis hat: aber die Prognose ist nicht gerade der stärkste Theil der meteoro- 
logischen Errungenschaften, und wie dem auch sei, das Schiff mufs das Wetter 
nehmen, wie es kommt, und unter den momentan gegebenen Verhältnissen vorwärts 
drängen. Die grofse Nähe des Landes zeichnet dem Schiffe seinen bestimmten 
Weg vor und auch, wenn die angetroffenen meteorologischen Verhältnisse keine 
befriedigenden sind, kann nicht in‘Betracht kommen, durch Einschlagen besonderer 
Mafsregeln günstigere Gelegenheit herbeizuführen; denn die einzige Mafsregel, 
die wir haben, ist: aus dem ungünstigen Wetter in das günstige hineinzufahren, 
und eben das ist durch die Nähe des Landes ausgeschlossen. 
Das ändert sich, sobald wir in die Nordsee kommen! Sagen wir, das Schiff 
habe eine Position südlich von Kap Lindesnäs, der Südspitze von Norwegen, 
erreicht, dann tritt an den Schiffsführer die Aufgabe heran, zu entscheiden, welchen 
Weg er einschlagen will, um nach Süden zu gelangen, Es giebt deren zwei! 
Der eine führt durch die Nordsee und den Kanal in den Ozean, der andere Nord 
um Schottland; jener ist etwas kürzer, dieser etwas länger. Der Unterschied ist 
aber nicht so groß, als es auf der Karte hier erscheint, weil hier die Meridiane 
aus einander gezerrt sind, Hätte nun der Schiffer synoptische Wetterkarten vom 
Atlantischen Ozean, oder ständen ihm auch nur die täglichen Wetterberichte der 
Seewarte zu Gebote, so wäre eine Entscheidung über die am besten einzuschlagende 
Route ziemlich leicht; da er die aber nicht hat, so bleibt ihm nichts übrig, als 
sich auf Grund seiner eigenen Beobachtungen ein Bild von der Wetterlage 
zu machen. 
Der Stand des Barometers, seine Aenderungen mit Rücksicht auf den 
zurückgelegten Weg und die verflossene Zeit, Thermometer, Wind und Wolken geben 
im Allgemeinen ein ziemlich klares Bild der Wetterlage. Wie Sie wissen, wird 
bei dem jetzigen Stande der Meteorologie das Wetter nach der gegenseitigen 
Lage von Hochdruckgebieten und Depressionen beurtheilt. Der Schiffer mufs 
also suchen, sich klar zu werden, ob er es mit einem Hochdruckgebiet oder mit 
einer Depression zu thun bekommt. 
Im ersten Falle, Nähe eines Nochäruckgebietes,. muß das Schiff so schnell 
wie möglich südlich strefen, um an der Südseite des Hochdruckgebietes die aus 
demselben herausströmenden, also günstigen, nördlichen Winde auszunutzen, 
a. bh. es muß den Weg durch die Nordsee einschlagen. Im zweiten Falle, Nähe 
einer Depression, ist keine Aussicht, südlich vorzudringen, bis die Depression 
passirt ist; es mufß also nach West bezw. NW gesteuert und, je nach der 
Lage des Minimums, der Versuch gemacht werden, die Depression an ihrer polaren 
Seite, auf der für das Schiff günstige Winde wehen, zu umsegeln, Dieser Versuch 
führt Nord um Schottland und gelingt in den meisten Fällen. Wieviel hier durch 
Ueberlegung und Ausnutzung der Wetterlage, die zu erkennen aber nur mit Hülfe 
der Meteorologie möglich ist, gewonnen werden kann und wird, möge das folgende 
Beispiel zeigen: Im Jahre 1895 passirte ich mit einem anderen Weserschiffe 
zusammen Kopenhagen, wir waren beide nach dem Süden bestimmt; ich ging Nord 
um Schottland, und die Reise bis Kanal- Breite war eine einfache Umsegelung 
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