Witte: Das kalte Küstenwasser.
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Als physikalische Erklärung für das Emporquellen des kalien Grund-
wassers sind im Laufe der Jahre drei Ursachen gefunden worden, die Rotations-
kraft, ablandige Windrichtung und die Centrifugalkraft.
a) Daß die Achsendrehung der‘ Erde die Tendenz’ hat, die Strömungen
abzulenken, wird wohl heute kaum noch in Abrede gestellt. Wenn nun’ bei-
spielsweise auf den Golfstrom längs der Küste Amerikas eine Kraft nach rechts
wirkt, so mufs sich die Oberfläche auf der rechten Seite heben, und zwar so
weit, dafs sie auf der Resultante aus dieser Kraft und der Schwerkraft senk-
recht steht. .
Bis zu diesem Punkte hatten mir. andere Forscher, insbesondere der
dänische Hydrograph Colding, vorgearbeitet. Nun schlofs ich weiter („Pogg.
Aun.“ a. a. .O., Seite 290): „Das kältere Wasser des Meeresbodens also, welches
natürlich langsamer fliefst, steht auf der rechten Seite unter höherem Drucke,
als auf der linken, muß mithin gegen die Küste gedrängt werden und hier eine
niedrige Temperatur des Meeres veranlassen“, Dasselbe Prineip übertrug ich
Seite 292 auf die anderen grofsen Meeresströmungen.
In quantitativer Hinsicht allerdings enthielten meine ersten Veröffent-
lichungen einen Fehler, indem ich im Anschlufs an Colding die Rotationskraft
um die Hälfte zu klein annahm und nur auf die meridionalen Komponenten der
Strömungen wirkend dachte. In Wirklichkeit übertrifft also der Kinflufs der
Rotationskraft auf das Emporquellen des kalten Küstenwassers noch erheblich
meine ursprüngliche Vorstellung,
b) Dafs ablandiger Wind kaltes Küstenwasser emporhebt, ist zuerst ver-
öffentlicht worden vom Kapt. Dinklage in der „Hansa“, 1875, Seite 56 ff,
während meine erste Publikation über dieses Motiv aus dem Jahre 1878 stammt.
c) Einen Aufsatz über die Centrifugalkraft als Ursache des Aufsteigens
von kaltem Wasser habe ich veröffentlicht in der „Zeitschrift für wissenschaft-
liche Geographie“, 1880, Seite 52 ff, Wenn nämlich eine Strömung mehr oder
weniger ausgeprägte Kreisbogen beschreibt, so mufs die Centrifugalkraft das
schneller fliefsende Oberflächenwasser nach aufßsen drängen und an der Innenseite
das ruhende oder wenigstens langsamer fließende kalte Grundwasser emporheben.
Ein einfacher Versuch, den ich beschrieben habe in „Pogg. Ann.“, 1878, Neue
Folge Bd. 4, Seite 436, sowie am Schlufs des Osterprogramms, Plefs 1879,
bestätigt die Theorie.
Dafs also die Meeresströmungen im Grofsen dieselbe Erscheinung zeigen,
wie der Versuch im Kleinen, nämlich ein Aufsteigen des schwereren Grund-
wassers auf der konkaven Seite, habe ich in dem gedachten Aufsatze aus den
Untersuchungen der Vereinigten Staaten über ihre Küstenmeere nachzuweisen
gesucht. Das Auftreten besonders kalten Wassers hinter Vorsprüngen der Küste,
wofür die Erdkunde heute ‚eine gröfsere Anzahl von Beispielen kennt. dürfte
gleichfalls auf dieses Motiv zurückzuführen sein.
Die drei Ursachen für das Aufsteigen des kalten Grundwassers an den
Küsten lassen sich mit Kapt. z. See Hoffmann („Annal. d. Hydr.“, 1887,
Seite 25 ff.) folgendermafsen zusammenfassen: „Wasser aus der Tiefe kann
überall da ‚aufsteigen, wo eine Küstenströmung das Bestreben hat, von der Küste
abzuschwenken.“
Von den drei Ursachen ist den Geographen bisher nur die zweite geläufig,
während die erste und dritte weniger Beachtung gefunden haben... Doch sind
diese z. B. berücksichtigt in den „Strömungen des europäischen Nordineeres“
von Mohn (Peterm. Mitt. 1885, Ergänzungsheft 79)... Auf Seite 10 leitet
Mohn den Betrag, um den sich die Oberfläche der Strömung nach rechts hebt,
in ‚derselben Weise ab wie Colding, jedoch unter Anwendung der richtigen
Formel, und Seite 14 und 15 wird aus der Neigung der Oberfläche das Aufsteigen
kalten Wassers im Druckminimum erklärt.
Ich meine, dafs die Erkenntnifs von dem Zusammenwirken der drei
Ursachen des. kalten .Küstenwassers und seiner Begleiterscheinung, des Nebels,
nicht nur tür die Wissenschaft wichtig ist: auch für die Schiffahrt dürfte dieselbe
nicht ohne Bedeutung sein, indem sie. unter Umständen zur Klarlegung der An-
Isose von Schiffsunfällen, z. B. bei Kap Finisterre. beitragen könnte.