Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorulogie, Februar 1900,
Herren mehr ein. Manche von ihnen haben ihre sicheren Kunden in den Dampfern
der festen Linien, die sie an die Stadt bringen und dort verweilen, bis der
Dampfer oder ein anderer derselben Linie zum Auslaufen fertig ist. Diese
Lootsen kümmern sich um andere Schiffe fast nie. Dabei ist jetzt der Gebrauch
eingeführt, gleichviel, nämlich 5 Taels für den Fuß Tiefgang zu fordern, wo
auch der Lootse an Bord kommt, ob früher oder später, obgleich dieses durch-
aus nicht dem Tarif gemäfs ist. Man spricht davon, dafs demnächst das Loots-
geld auf 8 Taels den Fuß für Segelschiffe und auf 7 Taels für Dampfer erhöht
werden soll. Kin sehr guter alter chinesischer Lootse ist auch noch da, bekommt
aber nicht viele Schiffe zu führen.
Es ist entschieden anzurathen, dafs grofse, tiefgehende Schiffe bei der
Einsegelung nach Shanghai nicht weiter als bis zur Glockenboje gehen, bevor
sie einen Lootsen oder Schleppdampfer erhalten haben. Schiffe von 20 Fufs
Tiefgang oder mehr laufen sonst Gefahr, bei Niedrigwasser festzukommen und
Schaden zu erleiden. Man sollte, wenn die Glockenboje in Sicht gelaufen ist,
auf 10 bis 11 m (5'% bis 6 Faden) Tiefe ankern und warten, bis ein Lootse
oder ein Schleppdampfer kommt. Die Kapitäne der Letzteren wissen ebenso
gut, ja oft besser Bescheid wie die Lootsen; man braucht also, wenn man einen
Schlepper hat, auf den Lootsen nicht zu warten. Bis zum Wusung-Flufs bringen
die Schleppdampferkapitäne das Schiff mit voller Sicherheit. Ueber die Barre
nehmen sie lieber einen Lootsen zu Hülfe, obgleich sie auch dann noch meistens
besser aufpassen wie dieser und demselben oft nützliche Winke geben, damit das
Schiff nicht auf der Barre festgeräth. Shanghai - Revier ist sehr gefährlich, und
die Bänke darin verändern ihre Form und Lage sehr oft, ein anderer Grund,
weshalb ein Kapitän seiner eigenen Führung im Revier das Schiff nicht anver-
trauen sollte. Schlepplohn ist sehr theuer; doch lassen die Führer zur Zeit sich
etwas von ihrem hohen Tarif abhandeln. Die Schlepper sind gute starke Boote.
Das Löschen des Petroleums in Shanghai geschieht direkt an das Land
und geht, wenn Platz am Ponton vorhanden ist, sehr schnell. Man kann, wenn
man will, bis zu 20000 Kisten den Tag löschen. Der Ponton der „Standard Oil
Company“ hat Platz für zwei Schiffe. Als Ballast kostet trockener Lehm zur
Zeit 0,85 $, grofse Steine kosten 1,75 $ die Tonne. Der Ballast wird in das Schiff
eingewogen; hier heißt es aber, wie bei jedem Geschäftsverkehr mit Chinesen,
die Augen offen halten. Sie betrügen, wo sie können. Die Arbeitskulis stehlen
Alles, was ihnen vor die Hände kommt und sie unbemerkt forttragen können.
Das Uebermannen des Ballastes in kleinen Körben geht auch sehr rasch. Aber
im Regen wollen die Kulis nicht arbeiten. Ist es gutes Wetter, so sind sie
emsig wie die Ameisen und arbeiten, wenn es sein mufs, auch nachts und am
Sonntage. Unser Schiff wurde mit dem Löschen von 72200 Kisten Petroleum
und KXinnehmen von 800 Tonnen Ballast in 16 Tagen fertig. Wir hatten aber
das Glück, sofort mit Löschen beginnen zu können; andere, später kommende
Schiffe mufsten tagelang auf ihren Turnus warten. Alle Arbeit ist nicht sehr
theuer, und auch frische Lebensmittel sind billig und gut. Ein guter englischer
Arzt bedient die Schiffe für eine gewisse Summe für den Kopf der Mannschaft.
Shanghai hat sich in den letzten Jahrzehnten mächtig herausgemacht. Kine
Menge Fabriken von Seiden- und Baumwollenwaaren, Papier u. s. w. sind ent-
standen, ebenso Trockendocks und Maschinenfabriken. Kurzum, Alles kann dort
gekauft und gemacht werden.
Ehe ich meinen Bericht schliefse, möchte ich allen Kollegen, welche nach
den ostasiatischen Gewässern bestimmt sind, den dringenden Ratlı geben, sich
stets mit den neuesten Karten auszurüsten oder doch ihre älteren Karten von
kompetenten Leuten durchkorrigiren lassen. Die Karten der Strafßsen besonders
sollten vom gröfsten Malsstabe genommen werden. Dann sorge man dafür, stets
die neuesten Nachrichten zu erhalten. In den fraglichen Gewässern werden auch
heute noch oft vorher unbekannte Riffe und sonstige Untiefen aufgefunden, die
den Schiffen gefährlich sind.)
52
‘) Kapt. Albrand berührt hier einen Punkt, der Schiffsführern und Rhedern nicht dringend
genug ans Herz gelegt werden kann. Durch die „Nachrichten für Seefahrer“, herausgegeben von der
Nautischen Abtheilung des Reichs-Marine- Amts, sowie durch die „Annalen der Hydrographie und