Messerschmitt, J, B.: Ueber den Verlauf des Geoids.:
zleicher Breite, während man zunächst wegen der vorhandenen grolsen Wasser-
massen eher das Gegentheil erwarten sollte. Die Erklärung dieses Unterschiedes
gylaubt man in der Anziehung des Wassers durch die Kontinente zu finden, in-
dem dadurch das Wasser an den Küsten höher steht als in der Mitte der Welt-
meere, wo man sich demzufolge dem Erdmittelpunkte näher befindet als hier.
Einer der ersten, welcher sich mit dieser Frage beschäftigte, scheint
Saigey!) gewesen zu sein. Indem er die Kontinente als kreisförmige Scheiben
von der Dicke der mittleren Höhen annimmt, findet er, dafs sich das Meer an
den Küsten von Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika um 36 bezw. 144,
116, 54 und 76m hebt. Es sind dies Werthe, die mit den jetzigen Anschauungen
recht gut harmoniren. An solche Erhebungen hatte auch Humboldt”) gedacht
und weiterhin Rozet®) und Bruchhausen.*) Eingehender befafßste sich Stokes®)
mit diesem Gegenstand, der auch die mathematischen Beziehungen mit den Pendel-
beobachtungen ableitete. Pratt‘) glaubte aus den von ihm gefundenen Loth-
abweichungen in Indien folgern zu können, dafs die Meeresoberfläche in der
Nähe der Indus-Mündung um 613 engl. Fufs (fast 200 m) höher steht als an der
Südspitze von Vorderindien. Die Unrichtigkeit dieser Kechnungen ist durch die
oben mitgetheilten Resultate der Höheumessungen dargethan, indem kein oder
höchstens nur ein geringer Höhenunterschied längs der Küste Ostindiens und
noch dazu im entgegengesetzten Sinne gefunden wird. Angeregt, wie es scheint,
durch die Arbeiten von Pratt, leitete Dahlander”) auf Grund des Newtouschen
Attraktionsgesetzes Formeln ab, gemäfs welchen er beispielsweise für ein Prisma
von 100 000 engl. Fufs Länge und Breite bei 10 000 Fufs Höhe und der Dichtig-
keit des Granits, also für einen schon beträchtlichen Gebirgsstock, die Anziehung
bezw. die Erhöhung des Wassers zu 4,9 Fuß erhält. Wegen dieses verhältnifs-
mäfsig kleinen Betrages hält er auch die Prattschen Zahlen von Indien für die
größten, die wohl vorkommen können. Er hätte eigentlich daraus sogar schliefsen
dürfen, dafs sie viel zu grofs sind, wie sich ja die Ableitungen von Pratt
bei eingehender Verfolgung als nicht stichbhaltig erweisen. Mit Recht hebt
Dahlander hervor, dafs nach den Gesetzen der allgemeinen Anziehung ebenso
wie die Berge eine Erhöhung der Wasseroberfläche in ihrer Nachbarschaft be-
wirken, so verursacht jede Senkung des Meeresbodens eine Senkung der Wasser-
oberfläche darüber, wobei stets das die Vertiefung ausfüllende Wasser eine ge-
ringere Attraktion ausübt, als die ist, welche durch den ebenen Boden entstehen
würde. Jede, wenn auch unbedeutende, Abweichung der Erdoberfläche oder des
Meeresbodens von der normalen Form, jede Erhöhung und Senkung derselben
und ihre Dichtigkeitsveränderung spiegelt sich gleichsam in verringertem Mals-
stabe ab durch eine entsprechende Höhenveränderung beim Wasser, wobei nach
den neueren Untersuchungen besonders die Dichtigkeit eine hervorragende
Rolle spielt.
Während diese ersten Versuche noch mäfsige Höhenunterschiede gaben,
ermittelte Ph. Fischer®) unter der Annahme von 70“ bis 80” Lothablenkungen
an den Ufern der Festländer, dafs der Meeresspiegel sich an den Kontinenten
etwa 600m hebt. J. Hann®) hielt es sogar für möglich, dafs z. B. an der West-
küste von Südamerika die Meeresoberfläche 1000 m weiter vom KErdmittelpunkte
entfernt sei als in den inneren Theilen der Ozeane. Dafür hatte aber schon
4) Saigey: „Petite physique du globe“, II. Paris 1842. Original nicht einsehen können; die
Angaben sind nach Günther, Geophysik, und Leipoldt, siehe unten.
2) A. v. Humboldt: „Kosmos“, Bd, 4, Seite 14. >
® Rozet: „Bull. de 1a Soc. Geol. de France“, XII, Seite 176, 1841, und XIII, Seite 175.
4) A. Penck: „Schwankungen des Meeresspiegels.“ München 1882, Seite 6. (Sep.-Abd,
aus dem Jahrbuch der Geographischen Gesellschaft in München, Bd. VII.)
5) G. C. Stokes: „On the Variations of Gravity at the Surface of the Earth. Trans. of the
Phil, Soc. of Cambridge“, Vol, VIII, 1849.
6) J. H. Pratt: „Phil. Transactions of the R. Soc. of London“, Vol. 149, 1859, Seite 792,
und spätere Bände.
7) G. R. Dahlander: „Ueber den Einflufs, den die Unebenheiten der Erdoberfläche und
des Meeresbodens auf die Veränderung des Niveaus des Meeres ausüben.“ Poggendorfs Annalen
der Physik, Bd, 27, 1862, Seite 148. Aehnliche math. Entwickelungen befinden sich auch in dem
Hauptwerke der englischen Vermessung.
8) Ph. Fischer: „Untersuchungen über die Gestalt der Erde.“ Darmstadt 16568,
& % J. Hann: „Mittheilungen der K.K. geographischen Gesellschaft in Wien“, Ba. 18, 1875,
eite 563.