Messerschmitt, J. B.: Ueber den Verlauf des Geoids. 595
bis zur bayerischen Hochebene auf 6m ansteigt und in den Voralpen bei Inns-
bruck (Lanserkopf, Breite 47,3°) fast 10m über dem Ellipsoid erreicht. Kine
Aenderung aller Lothabweichungszahlen um 1“, was einem anderen System ent-
sprechen würde, führt in der Geoidkoordinate für Lanserkopf, unter Beibehaltung
des gleichen Nullpunktes, eine Aenderung von 4,3 m herbei.
Für die Centralalpen bezw. das Gebiet der Schweiz habe ich aus den von
mir astronomisch bestimmten Lothabweichungen, welche über 100 betragen und
ziemlich über das ganze Land zerstreut sind, für vier meridionale Schnitte und
zwei senkrecht dazu, also im Parallel, verlaufende Linien unter Zugrundelegung
des gleichen Lothahweichungssystems die Erhebung des Geoids berechnet. Mit
Hülfe der Ergebnisse der letzteren beiden Linien konnten alle Werthe auf ein
Eilipsoid reducirt und damit eine Karte der Isohypsen des Geoids vom Bodensee
bis zur Lombardei konstruirt werden.!) Dabei ist. die Annahme gemacht, dafs
das Ellipsoid etwas südlich von Zürich das Geoid berührt, dann fallen beide
Flächen im östlichen Theile der schweizerischen Hochebene, etwa vom Bodensee
bis in die Gegend südlich von Solothurn, nahe miteinander zusammen, Mehr
nach W hin steigt dann auf der Hochebene das Geoid langsam, nach N, dem
Jura, und nach S, den Alpen, zu, stärker empor. Es entspricht also der
schweizerischen Hochebene auf dem Geoid ein allmählich von O nach W. an-
steigendes Thal. Gegen den Jura und Schwarzwald hin erhebt sich das Geoid
etwa 2m über das Ellipsoid, gegen die Alpen zu bis auf 5m. Es erreicht dieses
Maximum in den mittleren Theilen, mit einer kleinen Verschiebung nach S hin,
im Engadin, am Gotthard und in der Monte Rosa-Gruppe. Von da ab fällt
das Geoid steiler als im N ab und erreicht am südlichen Fufse. der Alpen, etwas
nördlich von Mailand, bereits wieder das Vergleichsellipsoid. Weiter südlich
verläuft es dann unterhalb des Ellipsoids und ist in der Gegend von Turin be-
reits 4 m tiefer. Das Geoid bildet also, wenn man sich den ausgeschütteten
Thalboden der Po-Ebene fortdenkt, ein schwaches Spiegelbild des Alpenreliefs,
Nimmt man nach den oben angeführten Untersuchungen Helmerts an,
dafs das Geoid in der Gegend des Bodensees nahe gleich. hoch, nämlich 10 m,
über dem die Nordsee berührenden Ellipsoid ist, wie es für das in nahe gleicher
Breite liegende Innsbruck abgeleitet wurde, so würde die Maximalerhebung in
den Alpen auf etwa 15m anzunehmen sein, welche dann rasch nach dem Mittel-
meer abnimmt.
Auch für andere Kontinente, soweit bis jetzt Beobachtungen in genügender
Zahl vorliegen, findet man nur mäfsige Unterschiede zwischen beiden Flächen.
So lHieferten die Gradmessungsarbeiten in Südafrika für die folgenden nahe auf
einem Meridian liegenden Punkte die Lothabweichungen:?)
Dreieckspunkt
Cape Point . . . -
Zwart Kop 2...
Royal Observatory . .
Tyga-Berg . . . . +
Robben Island . . .
Geogr. Länge
16° 29 W
18° 30
18° 29
18° 35°
18° 23
Geogr. Breite
— 34° 21,1’
— 34° 13,6'
-— 33° 56,1’
— 33° 51,2‘
— 33° 48,9'
Lothabweichung
+0,02“
+1,22"
— 0,44
— 2,05
— 0,75"
Aus diesen Werthen erhält man die Erhebung des Geoids über das ent-
sprechende Ellipsoid (Clarkesches), wenn sich beide etwa in Cape Point be-
rühren, wie folgt:
1) Diese 'Fafel und eine andere, welche den Verlauf der Schwere in der Schweiz (Isogonen)
zeigt, ist im „Schweiz. Dreiecknetz“, Bd. 9, Zürich 1900, welches demnächst erscheint, reproducirt,
2) „Verhandlungen der 11. allgem. Konferenz der internationalen Erdmessung“, Berlin 1895,
IL. Theil, Seite 188. Genau genommen, müfsten eigentlich die direkt erhaltenen Lothabweichungen
auf gleiche Höhe, im Speciellen auf Meereshöhe reducirt werden, was mit Hülfe der Intensität der
Schwerkraft geschehen kann, wofür z. B. P. Pizzetti: „Sur la reduction des latitudes et des longi-
tudes asıronomiques au niveau de la mer“, „Astr, Nachr.“, Bd, 38, No. 3310, 1895, ein Verfahren
angegeben hat. Da aber die Schwere meist nicht bekannt und auch die Korrektionen nicht grofs
sind, so können sie für diese Zwecke unbedenklich vernachlässigt werden.