594 Anualen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1900,
anderen Dreieckspunkte, vom ersten Punkte ausgehend, berechnen. Beobachtet
man nun direkt astronomisch die Längen und Breiten auch auf diesen Punkten
und vergleicht sie mit den herechneten geodätischen Werthen, so geben die
Unterschiede unmittelbar die Lothablenkungen in Bezug auf den Ausgangspunkt.
Man erkennt sofort, dafs diese Abweichungen, abgesehen von den unvermeidlichen
Beobachtungsfehlern, noch von den Dimensionen der der Rechnung zu Grunde
gelegten Erdgestalt abhängen. Der Einflufs derselhen wird natürlich um so
größer, je weiter man sich vom Anfangspunkt entfernt. Da aber dergleichen
Untersuchungen sich meist auf verhältnifsmäfsig kleine Oberflächentheile der Erde
beschränken, so kann man in erster Annäherung die noch vorhandenen Unsicher-
heiten in den Erddimensionen vernachlässigen.
Es giebt noch eine zweite Methode, die Lothstellung zu berechnen, indem
man sie nach dem Gesetze der allgemeinen Gravitation aus den sichtbaren Massen
ableitet. Bei genauer Kenntnifs der Dichtigkeitsvertheilung auf der Erde würde
man damit sofort die wahren Lothstellungen erhalten. Da aber dies nicht der
Fall ist, mufs man sich wieder auf relative Bestimmungen beschränken. Es geben
dann, wie die Kıfahrungen zeigen, die Rechnungen im Gebirge, besonders für
naheliegende Punkte, meist sehr günstige Resultate. So konnte für die Alpen‘)
nachgewiesen werden, dafs man die relativen Lothabweichungen recht befriedigend
erhält, wenn man hierbei die Massen bis auf etwa 30 bis 40 km berücksichtigt.
Die Hanptunsicherheit, welche dieser Methode anhaftet, liegt in der Unkenntnis
der Dichte der Massen. Nur wenn diese, wie es in den Alpen der Fall ist,
ziemlich gleichmäfsig ist, kann man einwurfsfreie Resultate erlangen; in anderen
Fällen können schon recht bedeutende Abweichnugen vorkommen. So z. B. er-
gaben die entsprechenden Untersuchungen für drei Punkte im Harz,’) dafs die
aus den sichtbaren Massen berechneten relativen Lothabweichungen zwischen dem
nördlich gelegenen Harzburg und dem Brocken recht gut mit den astronomisch
beobachteten übereinstimmten (4,3“ und 4,0“), dals aber dagegen für das südlich
gelegene Hohegeifs die Differenz mit dem Brocken nach der Rechnung kleiner
ausfällt (7,5“ gegen 10,6”), als es die astronomischen Beobachtungen erheischen,
Führt man eine andere Massenvertheilung ein, indem man auf Grund der geolo-
gischen Aufnahmen besonders für die tiefer liegenden Gesteinsschichten eine
zröfsere Dichtigkeit, als sie an der Oberfläche ist, einführt, so verringern sich
die oben gefundenen Unterschiede. Auf eine ähnliche Massendifferenz führen
auch die Bestimmungen der Intensität der Schwerkraft,®) so dafs also auf zwei
verschiedenen Wegen das gleiche Resultat erhalten wird. Es stehen damit eben-
falls die von Eschenhagen‘*) gefundenen Anomalien des Erdmagnetismus in
innigem Zusammenhange.
Es liefert somit diese zweite Methode bei der Verfolgung gewisser geo-
physikalischer Probleme in Verbindung mit den direkt beobachteten Lothab-
weichungen besonders in Bezug auf die Dichtigkeitsverhältnisse der Oberflächen-
schichten der Erde wichtige Beiträge. Aber auch allein kann sie bei der
nöthigen Vorsicht wohl verwendet werden; so ist auch neuerdings auf Grund des
für die Alpen gefundenen Gültigkeitsbereiches von ihr bei der Triangulation für
die Absteckung der Axe des Simplon-Tunnels Gebrauch gemacht worden.
Hat man nun längs eines Linienzuges eine Anzahl Lothabweichungen, 80
kann man, wie bereits erwähnt, die Höhendifferenz des Geoids gegen ein an-
schliefsendes Ellipsoid ermitteln. So fand Helmert („Verhandlungen der inter-
nationalen Erdmessung“, Salzburg 1888), dafs das Geoid, welches in Sophienhoi
in Schleswig (Breite 55,4°) mit dem entsprechenden Besselschen Ellipsoid zu-
sammenfällt, sich im Harz auf etwa 4m hebt, mit geringen Undulationen nach S
1) Messerschmitt: „Lothabweichungen in der Schweiz.“ Astr. Nachr., Bd. 141, No. 3365,
1896, und „Das schweiz, Dreiecknetz“, Bd, 8, Zürich 1898, Seite 192. Aehnliche Resultate sind
auch in Bulgarien und in der Krim erhalten worden. Vgl. Venukoff: „Comptes rendus“.
Tome 123. 1896. Seite 40.
2) Messerschmitt: „Ueber den Einflufs der sichtbaren Massen des Harz anf die Stellung
des Lothes.“ „Zeitschr, für Vermessungswesen“, Bd. 38, 1899, Seite 634.
3) Haasemann, L.: „Bestimmung der Intensität der Schwerkraft etc.“ Berlin 1899.
Veröff. d. K. pr. geod. Instituts,
%” Eschenhagen, M.: „Magnetische Untersuchungen im Harz,“ Stutigart 1898. „Kor-
schuwen Zur dentschen Landes- und Volkskunde“. Bad. 11. Heft 1.