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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 28 (1900)

Herrmann, E.: Die Eisverhältnisse an der deutschen Küste im Winter 1899/1900. 537 
gehenderer Untersuchungen wünschenswerth seien. Zur Beurtheilung der Trag- 
weite der folgenden Ergebnisse sei hier nur darauf hingewiesen, dafs die Eisbe- 
obachtungen für den bisherigen Nachrichtendienst an den Sonn- und Festtagen 
ausfielen und sich auf eine bestimmte Zeit des Tages (8 Uhr morgens) beziehen; 
wegen dieses letzteren Umstandes kann dabei insbesondere die Verschiedenheit 
der Eisverhältnisse, welche an der Nordsee durch die wechselnden Gezeiten ent- 
stehen, nicht vollständig zum Ausdruck gelangen. 
Der plötzliche Umschlag von andauernd mildem Wetter zu stärkerem 
Frost, der nach der ersten Woche des Dezember gleichzeitig über ganz Central- 
europa sich vollzog, liefs im Winter 1899/1900 an der deutschen Küste die Be- 
hinderungen der Schiffahrt durch Eis auch ziemlich gleichzeitig beginnen und 
zwar an der Nordsee am 13., an der Ostsee am 11. und 12. Dezember. Der 
weitere Verlauf des Winters in Bezug auf die Eisverhältnisse gestaltet sich dann 
aber der verschiedenen hydrographischen und der verschiedenen Wärmeverhältnisse 
wegen für die beiden deutschen Meeresküsten wesentlich verschieden. So ist 
an der Nordsee nach mehrfachen und auch längeren Unterbrechungen durch 
milderes Wetter und eisfreiere Zeiten die letzte winterliche Eiszeit nach dem 
19. Februar als beendet zu betrachten, während an der Ostsee, besonders in 
deren östlichem Theile, länger anhaltende‘ Frostperioden auftraten und an 
mehreren Plätzen die KEisschwierigkeiten bis tief in den März, ja selbst bis in 
den April hinein sich fortsetzten. Für die einzelnen Küstengebiete gestalteten 
sich die Eisverhältnisse folgendermaflsen: 
I. Nordsee. 
Für den an die Nordsee angrenzenden Theil der deutschen Küste sind 
drei von einander getrennte Eiszeiten zu unterscheiden, nämlich die Tage vom 
13. bis gegen den 29. Dezember, vom 15. bis 18. Januar und vom 10. bis gegen 
den 19. Februar. Während der Beginn dieser Eiszeiten sich ziemlich scharf 
ausprägt, ist der Verlauf gegen Ende derselben so unbestimmt, dafs die ange- 
führten Schlufstage nur beschränkte Bedeutung haben können. Wie schon be- 
merkt, setzte am 7. Dezember eine Frostperiode über ganz Deutschland, 
einschl. der Küstengebiete, ein. Gegen den 11. Dezember wurde der Frost 
strenger und dies bewirkte, dafs am 13. Dezember treibendes Eis sowohl in den 
untersten Läufen der Ems, Weser und Elbe, als auch auf dem Watt bei Husum 
den Verkehr für Segelschiffe erschwerte. Die anhaltende Kälte vergröfserte alsbald 
die Eisschwierigkeiten insofern, als auf den genannten Flüssen, soweit sie für 
den Seeverkehr in Betracht kommen, und auch auf der Jade bei Wilhelms- 
baven Segelschiffe nur mit Schlepperhülfe verkehren konnten, während auf dem 
Watt, sowohl bei Husum als auch bei Norderney, etwa vom 15. Dezember ab die 
Segelschiffahrt ganz geschlossen wurde. Die Erhebungen der Temperatur über 
den Gefrierpunkt, die im nordwestlichen Deutschland in den Tagen vom 16, bis 
19. Dezember stattfanden, waren zu gering, als dafs sie wesentliche Aenderungen 
in den Eisverhältnissen daselbst herbeizuführen vermochten. Dies kurz an- 
haltende und wenig intensive Thauwetter war am 20. Dezember von strengerer 
Kälte gefolgt, die bis zum Weihnachtsabend anhielt. Für den Verkehr auf 
Ems, Weser und Elbe und bei Norderney änderte dieser strengere Frost 
nicht viel; dagegen schlofs sich die Jade bei Wilhelmshaven für Segel- 
schiffe und das Watt bei Husum für jeden Schiffsverkehr. Das mit den Weih- 
nachtsfeiertagen einsetzende Steigen der Temperatur über den Gefrierpunkt 
brachte nur langsame Besserung der KEisverhältnisse, da Nachtfröste zunächst 
noch fortdauerten. Auf der Weser und Elbe verschwanden die Schwierig- 
keiten für den Schiffsverkehr bald nach den Festtagen, auf der Ems, der 
Jade und dem Watt bei Norderney etwa am 29. Dezember, während auf 
dem Watt bei Husum das Eis noch bis zum 4. Januar der Schiffahrt hinderlich 
war. Auf den Flüssen hielt das Treiben des Eises, das von den weiter oberhalb 
gelegenen Strecken des Flulslaufes herrührte, noch bis in den Januar an: auf 
der Ems bis zum 4., auf der Weser bis zum 6. und auf der Elbe bis über 
den 18. hinaus, doch ohne nennenswerth für den Verkehr hinderlich zu sein. 
Daher wird man das Ende der ersten Eiszeit dieses Winters für die Nordsee- 
küste im Allgemeinen gegen den 29. Dezember zu setzen haben.
	        
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