Durchsegelung der Sunda-Strafse im Mai 1899.
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Mai 9 um Mitternacht, als es etwas aufklarte, wurde Anyer-Feuer SSW
und St. Nicolas-Spitze 0SO rw. gepeilt. Wir waren wieder weit zurückgetrieben,
Kurs zur Zeit NNO. Kurz nach 12*p ging das Schiff in einer Gewitterböe aus
NO durch den Wind. Das Schiff wurde durch einen rasenden Strom nach SW,
der es packte, schnell auf die Insel Dwars in den Weg zu geführt. Durch keine
Manöver konnten wir es auf B. B.-Halsen bringen, um die Küste von Java zu
erreichen; ebenso wenig war es möglich, es frei von der Insel zu halten, "Trotz
der steifen Briese von NO blieb das Schiff steuerlos ungefähr quer im Strome
liegen. Um 1"a waren wir der Nordostecke der Insel so nahe gekommen, dafs
wir, um das Stranden zu vermeiden, in 65m (36 Faden) Tiefe den Anker fallen
lassen mufsten. Die Ketie war wegen der grofsen Kraft des Stromes gar nicht
zu stoppen und lief in der ganzen Länge, 120 Faden, bis auf den Tamp hinaus.
Glücklicherweise hielt die Kette zuletzt; wäre dieselbe gebrochen, so glaube ich
kaum, dafs wir den zweiten Anker noch früh genug zum Mithalten gebracht
hätten, und das Stranden des Schiffes wäre unvermeidlich gewesen... Die ganze
Mannschaft war schon seit 11 Uhr auf Deck, so daß alle angewandten Manöver
rasch und richtig ausgeführt werden konnten, aber, wie gesagt, war trotz der
steifen Briese mit dem Schiffe nichts anzufangen. In einer solchen Nacht wird
ein Feuer auf St. Nicolas-Spitze sehr vermifst. Es wäre gewifs sehr zu wünschen,
dafs das beabsichtigte Feuer bald errichtet werden würde,
Das Unwetter hielt bis 5 Uhr morgens an. Gewitter über Gewitter mit
heftigen Böen, bald von der einen; bald von der anderen Seite kommend, folgten
rasch aufeinander. Um die Kraft auf die Kette nicht noch zu vermehren,
mufsten die Raaen öfter herumgebrafst werden. Dabei strömender Regen, Das
Land war nur bei dem Aufleuchten der grellen Blitze zu sehen; sonst war es
stockfinster. Vor Anker liegend, mafsen wir den Strom mit der Logge um 3a
zu SSW, 5 Knoten, Er setzte recht auf die Insel Dwars in den Weg zu, von
deren Nordostecke wir nach Peilungen weniger als !/a Sm entfernt waren. Die
Annahme, dafs eine Strömung nahe unter Land abgebogen wird und nicht direkt
auf dasselbe zu setzt, fand ich am Morgen durch Ueberbordwerfen leerer Fässer
nicht bestätigt; die Fässer trieben vielmehr genau in der Kiellinie des Schiffes
auf das Land zu und blieben dort am Strande liegen.
Gegen 8 Uhr morgens, als der Strom schwächer wurde, versuchten wir
Kette einzuwinden, konnten jedoch kein Glied hereinbekommen. Als wir näher
zusahen, fanden wir, dals der untere Theil des Klüsenkranzes weggebrochen war
und auch das Spill an der B. B.-Seite Schaden gelitten hatte. Da wegen der
beschädigten Klüse das Einwinden der Kette nicht möglich war, nahmen wir
diese nach der St. B.-Seite, aber auch so ging die Arbeit wegen des beschädigten
Spills nur sehr langsam von statten, und war gegen Abend erst die Hälfte der
ausgelaufenen Kette eingewunden. Seit Mittag setzte der Strom wieder nach
der Insel zu, wurde allmählich stärker und behielt seine Richtung bis zum
nächsten Morgen. Wir machten alle Segel fest und blieben vor Anker liegen.
Nach einem Bericht im „Segelhandbuch für den Indischen Ozean“ auf
Seite 580 erging es ebenso wie uns dem deutschen Schiffe „Cuba“ im Oktober 1881,
nur dafs ich mehr bestrebt war, aufserhalb der Strafse, ehe ich nach Norden
steuern liefs, eine gute Strecke östlich von St. Nicolas-Spitze zu gelangen, in
Sicht des Feuers von Babi-Insel zu halten und erst in der letzten Hälfte der
Nacht, wenn der Strom nachliefs, nordwärts zu steuern. Hätte ich voraussehen
können, dafs uns eine so stockfinstere Nacht bevorstände, so würde ich jedenfalls
am Abend vorher zu Anker gegangen sein, wozu sich zwischen 5* und 6*p die
beste Gelegenheit bot. Da wir aber die ganze Strafse hindurch das Schiff nachts
stets’ unter Segel gehalten hatten, weil wir bis Anyer überhaupt nur nachts etwas
voraus kommen konnten, so glaubte ich auch aufserhalb der Strafse nachts unter
Segel bleiben zu können, zumal gegen 8 p der frische Wind aus SSW
durchkam. Trotzdem würde ich, wenn wir früher an Peilungen des Landes, die
leider bei dem unsichtigen finsteren Wetter in der Nacht nicht möglich waren,
das rasche Zurücktreiben des Schiffes bemerkt hätten, den Versuch, auf B. B.-
Halsen nach der Java-Küste zu segeln, schon zeitiger gemacht und würde dann
auch wohl in der Nähe der Insel Merak einen Ankerplatz gefunden haben. Wir
wären dann sicher nicht bis Dwars in den Weg zurückgetrieben und hätten unser
Ankergeschirr unbeschädigt behalten. Vor diesem gefährlichen, quer über die