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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1900
Stromzweig an der Südspitze Formosas vorbei in die Formosa-Strafse hinein dicht
unter der Westküste der Insel hinzieht und damit gewaltige Gegensätze zu den
Verhältnissen an der Festlandsküste schafft, wovon nachher etwas zu sagen sei
wird. Nordwärts von Formosa ist der Kuro-siwo im Winter unzuverlässig, da
e8 vorkommt, dafs der durchschnittlich heftig wehende Nordostmonsun ihn zum
Stillstand bringt; man darf sich auf der Fahrt nach Norden nicht unbedingt
darauf verlassen, mitlaufenden Strom zu haben; doch hat man ihn wohl nie oder
fast nie entgegen (wie unter der China-Küste), und oft kehrt er nach einer Zeit
des Stillstandes mit verdoppelter Kraft zurück.
Die Abzweigung, die er in das Gelbe Meer an dessen östlicher Seite
nordwärts sendet, ist meist sehr gut konstatirbar, zumal in der Gegend von
Quelpart; es ist dies dieselbe Stromrichtung, die schon für den Sommer für
diese Gegend angegeben wurde; sie ist erklärlich, es muß Ersatz geschafft werden
für das abfliefsende Wasser der kalten chinesischen Küstenströmung.
Diese Letztere kommt aus dem Golf von Pe-tschi-li, setzt mit grofser Kraft
züdwärts am Schantung-Vorgebirge (wo aber dicht unter Land auch Neerströme
nach Norden auftreten), flielst dann nach SSO bis zur Höhe der Tschusan-Inseln
und dann nach SW bis Hongkong. Ihr Wasser ist schmutzig grün bis hellgrün,
sehr kalt, haben wir doch im Golf von Pe-tschi-li im Hochwinter Temperaturen
von nur 2° bis 3° C., und es kommt deshalb noch mit nur rund 13° C. im
Februar bei Breaker Point in der Formosa-Strafße an, während man an der
Formosa-Küste 22 bis 23° C. findet!
Die Stromversetzungen erreichen grofse Beträge bei Schantung, wie schon
erwähnt, bleiben aber meist klein im eigentlichen Gelben Meere, wo öfters Süd-
ost- und ÖOstversetzungen (zur Verbindung mit dem warmen Strom) beobachtet
sind, werden sehr stark in der Nähe des Tschusan-Archipels, ja erreichen dort
mit Südrichtung oft ihr Maximum und sind durchweg beträchtlich auch auf der
ganzen Strecke Tschusan-Inseln bis Hongkong; besonders ist die Regelmäfsigkeit
und Konstanz dieses kalten Stromes beachtenswerth sowie der Umstand, dafs
selbst dicht unter Land bei den vielen kleinen Inseln in dieser Jahreszeit Gegen-
strömungen (Neerströme etwa nach NO) fast gar nicht vorkommen.
Doch darf nicht vergessen werden zu erwähnen, dafs in freilich sehr
seltenen Ausnahmefällen dieser Südweststrom der chinesischen Küste fehlen kann,
nämlich dann, wenn der Nordostmonsun gestört und vielleicht durch Südwest-
winde ersetzt sein sollte. Der Nordostmonsun weht bei hohem, auf der Fahrt
nach Norden steigendem Barometerstand; zieht einmal ausnahmsweise eine De-
pression nach Norden und Osten in der Formosa-Strafse entlang, welche auf
ihrer Rückseite Südwestwinde hat, so wird unter Umständen der Küstenstrom in
seinem Laufe nach SW durch die Südwestwinde ganz gehemmt; einen solchen
seltenen Fall berichtet z. B. S. M. S. „Kaiser“ aus dem November 1896 von der
Reise Shanghai—Amoy.
Die Linien gleicher Wassertemperatur verlaufen zwischen Hongkong und
Tschusan-Archipel fast genau parallel zur Küste: je näher am Festland, desto
kälter ist das Wasser, während die Temperatur in der Richtung der Dampfer-
kurse (SW und NO) nur sehr wenig und ganz allmählich sich ändert. Daher
bat der russische Admiral Makaroff den Vorschlag gemacht, im Nordostmonsun,
welcher sehr häufig unsichtiges Wetter .an dieser gefährlichen Küste mit sich
bringt, die Messung der Wassertemperatur als ein Hülfsmittel bei der Navigation
zu benutzen:
Mitte Dezember soll man, um von allen Gefahren frei die Formosa-Strafse
zu passiren, möglichst in Wasser von 18° C, bleiben,
Mitte Januar in solchem von 17° C,,
Mitte Februar in solchem von 15° C.,
Mitte März in solchem von 15° bis 16° 0.1)
Selbstverständlich kann diese Angabe nur eine weitere Stütze für sonstige
Hülfsmittel der Schiffahrt sein und ist mit Vorsicht zu benutzen; aber bei
der wirklich ausnehmend grofsen Gleichmäfsigkeit der Verhältnisse im Winter
kann jedenfalls soviel sicher gesagt werden, dafs eine plötzliche Abnahme der
‚Ann. qd, Hydr. ete.“ 1894, Seite 123.